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Wie Motivation nachhaltigen Lernerfolg ermöglicht 

 27. November 2024

Von  Sabine Gessenich

Wie Motivation nachhaltigen Lernerfolg ermöglicht

Lernen ist mehr als das Aufnehmen von Fakten. Es ist ein aktiver Prozess, der Neugier und Freude auslösen kann, manchmal aber auch Anstrengung, Unsicherheit und Frustration mit sich bringt.

Ob wir uns auf diesen Prozess einlassen und auch dann weitermachen, wenn etwas schwierig wird, hängt unter anderem mit unserer Motivation zusammen.

Doch Motivation ist nicht einfach etwas, das ein Mensch „hat“ oder „nicht hat“. Sie entsteht im Zusammenspiel verschiedener Faktoren: Interesse und Sinn, bisherige Erfahrungen, erreichbare Ziele, Selbstwirksamkeit, Beziehung, Anforderungen und die Frage, ob wir uns einer Aufgabe überhaupt gewachsen fühlen.

Gerade beim Lernen lohnt es sich deshalb, genauer hinzuschauen, wenn die Motivation nachlässt.

Motivation verstehen

Häufig wird zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation unterschieden.

Intrinsische Motivation entsteht, wenn wir uns einer Sache aus Interesse, Neugier oder Freude an der Tätigkeit selbst zuwenden.

Extrinsische Motivation bezieht sich auf äußere Gründe oder Folgen – beispielsweise eine Prüfung zu bestehen, eine gute Rückmeldung zu erhalten oder eine bestimmte Voraussetzung für ein späteres Ziel zu erfüllen.

Im wirklichen Leben lassen sich beide Formen jedoch nicht immer klar voneinander trennen.

Ein Kind kann beispielsweise zunächst für eine Klassenarbeit lernen, weil diese bevorsteht, und währenddessen Interesse an einem Thema entwickeln. Umgekehrt können auch Tätigkeiten, die grundsätzlich Freude machen, Phasen enthalten, in denen Anstrengung und Durchhaltevermögen notwendig sind.

Entscheidend ist deshalb weniger die Frage:

„Ist die Motivation intrinsisch oder extrinsisch?“

Hilfreicher ist die Frage:

„Was braucht dieser Mensch gerade, damit er sich auf den nächsten Lernschritt einlassen kann?“

Warum Motivation beim Lernen verloren gehen kann

Wenn ein Kind nicht lernen möchte oder eine Aufgabe immer wieder aufschiebt, wird schnell mangelnde Motivation vermutet.

Doch hinter diesem Verhalten können sehr unterschiedliche Gründe stehen.

Die Anforderungen sind zu hoch

Wer immer wieder erlebt, eine Aufgabe nicht bewältigen zu können, verliert leicht den Mut. Aus „Das ist schwierig“ kann irgendwann „Das kann ich sowieso nicht“ werden.

Die Anforderungen sind zu niedrig

Auch Unterforderung kann Motivation beeinträchtigen. Wenn Lernen dauerhaft weder Neugier noch Herausforderung auslöst, fehlt ein wichtiger Anreiz, sich mit einer Sache auseinanderzusetzen.

Es fehlt ein erkennbarer Sinn

Nicht jeder Lernstoff kann unmittelbar begeistern. Trotzdem hilft es, zu verstehen, wofür etwas gebraucht wird oder in welchem größeren Zusammenhang es steht.

Frühere Misserfolge wirken nach

Lernerfahrungen prägen Erwartungen. Wer häufig gescheitert ist oder sich beim Lernen beschämt gefühlt hat, beginnt eine neue Aufgabe möglicherweise bereits mit der Erwartung, erneut zu versagen.

Angst und Druck stehen im Vordergrund

Unter starkem Leistungsdruck richtet sich die Aufmerksamkeit häufig nicht mehr auf die Aufgabe selbst, sondern auf mögliche Fehler und deren Folgen. Lernen kann dann zunehmend mit Anspannung verbunden sein.

Der nächste Schritt ist nicht erkennbar

Manchmal fehlt nicht die Motivation, sondern die Orientierung. Eine große oder unübersichtliche Aufgabe kann dazu führen, dass ein Kind gar nicht weiß, wo es anfangen soll.

Motivation oder Schutz?

Gerade bei Kindern und Jugendlichen lohnt es sich, vermeintliche „Unlust“ nicht vorschnell zu bewerten.

Nicht anfangen, aufschieben, diskutieren oder eine Aufgabe verweigern kann auch eine Form des Schutzes sein.

Ein Kind, das wiederholt erlebt hat, dass Mathematik für es mit Misserfolg verbunden ist, braucht möglicherweise nicht zuerst mehr Motivation. Es braucht eine Aufgabe, die bewältigbar erscheint, Unterstützung beim Einstieg und die Erfahrung:

Ich kann etwas tun. Mein Handeln macht einen Unterschied.

Diese Erfahrung von Selbstwirksamkeit ist für weitere Lernschritte bedeutsam.

Motivation lässt sich nicht verordnen – aber ihre Bedingungen lassen sich verändern

Niemand kann einem anderen Menschen Motivation einfach „geben“. Erwachsene können jedoch Bedingungen schaffen, unter denen Lernen wieder zugänglicher wird.

Erreichbare Schritte finden

Große Ziele können überwältigen. Kleine, konkrete Schritte machen sichtbar, wo begonnen werden kann.

Statt:

„Du musst heute für die Mathearbeit lernen.“

kann der erste Schritt lauten:

„Wir schauen uns zunächst an, welche drei Themen in der Arbeit vorkommen.“

Fortschritt sichtbar machen

Nicht nur Ergebnisse verdienen Aufmerksamkeit.

Auch ein neuer Lösungsweg, eine selbstständig begonnene Aufgabe oder das Dranbleiben an einer schwierigen Stelle sind Fortschritte.

Wer die eigene Entwicklung wahrnimmt, erlebt Lernen weniger als eine Abfolge von Defiziten.

Sinn und persönliche Bezüge herstellen

Wo immer es möglich ist, können Lerninhalte mit Erfahrungen, Interessen oder konkreten Anwendungen verbunden werden.

Eine Schülerin aus meiner Praxis fühlte sich beispielsweise beim Lernen für Mathematik völlig überfordert. Als wir einzelne Aufgaben mit ihrem Interesse an Mode und Design verbanden, bekam das abstrakte Rechnen einen anderen Zugang.

Nicht jede Aufgabe lässt sich interessant machen. Aber manchmal verändert bereits ein persönlicher Bezug die Bereitschaft, sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Wahlmöglichkeiten bieten

Selbst kleine Entscheidungen können bedeutsam sein:

Womit beginne ich?

Welche Strategie probiere ich aus?

Arbeite ich zunächst allein oder brauche ich Unterstützung?

Lernende erleben dadurch stärker, dass sie ihren Lernprozess mitgestalten können.

Struktur geben, ohne alles abzunehmen

Manche Kinder können ihren Lernprozess bereits weitgehend selbst organisieren. Andere benötigen noch Unterstützung bei Planung, Zeiteinteilung oder beim Einstieg in eine Aufgabe.

Diese Unterstützung ist kein Gegensatz zur Selbstständigkeit.

Gute Lernbegleitung kann ein Gerüst bieten, das nach und nach zurückgenommen wird, wenn ein Kind zunehmend selbst übernehmen kann.

Rückschläge einordnen

Schwierigkeiten gehören zum Lernen.

Entscheidend ist, welche Bedeutung sie bekommen.

Ein Fehler kann bedeuten:

„Ich kann das nicht.“

Er kann aber auch zeigen:

„Hier fehlt mir noch etwas.“

Diese zweite Perspektive entsteht nicht durch einen einfachen Satz. Sie entwickelt sich durch Erfahrungen, bei denen Fehler untersucht werden dürfen und neue Lösungswege tatsächlich möglich werden.

Und was ist mit Belohnungen?

Belohnungen können kurzfristig dazu beitragen, eine unangenehme Aufgabe zu beginnen oder eine vereinbarte Anstrengung anzuerkennen. Sie sind deshalb nicht grundsätzlich problematisch.

Sie ersetzen jedoch weder Interesse noch Selbstwirksamkeit oder einen nachvollziehbaren Sinn.

Wenn Lernen dauerhaft nur noch mit einer Gegenleistung verbunden wird, lohnt sich deshalb die Frage, warum die eigentliche Lernhandlung so wenig zugänglich geworden ist.

Manchmal braucht ein Kind keine größere Belohnung, sondern eine passendere Aufgabe.

Methoden können unterstützen – aber sie erzeugen nicht automatisch Motivation

Mindmaps, Lernkarten, Wiederholungspläne, Visualisierungen oder kurze Arbeitsphasen können Lernen erleichtern.

Welche Methode sinnvoll ist, hängt jedoch von der Aufgabe und vom Menschen ab.

Ein Kind, das nicht weiß, wie es beginnen soll, profitiert möglicherweise von einer klaren Struktur. Ein anderes benötigt Bewegung oder eine bildliche Darstellung. Wieder ein anderes braucht zunächst eine Erklärung, bevor es selbstständig weiterarbeiten kann.

Die Methode ist deshalb nicht der Ausgangspunkt.

Ausgangspunkt ist die Frage: Was erschwert das Lernen gerade – und was könnte den nächsten Schritt ermöglichen?

Ein individueller Zugang kann viel verändern

Ein Junge, den ich hier Luca nennen möchte, mochte es überhaupt nicht, Gedichte auswendig zu lernen. Für ihn war die Aufgabe sinnlos und langweilig.

Im Gespräch wurde deutlich, wie sehr er sich für Rap-Musik interessierte.

Also probierten wir etwas anderes aus: Er begann, die Gedichte rhythmisch zu sprechen und schließlich zu rappen. Aus einer ungeliebten Lernaufgabe entstand ein Zugang, der zu ihm passte.

Später schrieb er sogar eigene kleine Texte.

Das bedeutet nicht, dass jedes Kind nur über seine Interessen lernen sollte. Es zeigt aber, wie bedeutsam es sein kann, unterschiedliche Zugänge zu ermöglichen.

Ausdauer entsteht nicht durch Druck

Motivation bedeutet nicht, dass Lernen immer Spaß machen muss.

Manche Lernschritte sind mühsam. Manche Aufgaben bleiben wenig interessant. Und manchmal braucht Entwicklung Zeit.

Ausdauer zeigt sich gerade darin, auch solche Phasen bewältigen zu können.

Damit Kinder diese Fähigkeit entwickeln können, brauchen sie jedoch mehr als die Aufforderung:

„Du musst dich eben mehr anstrengen.“

Sie brauchen Herausforderungen, die bewältigbar sind, Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, Orientierung, angemessene Unterstützung und zunehmend die Möglichkeit, Verantwortung für den eigenen Lernprozess zu übernehmen.

So kann aus einem ersten kleinen Schritt allmählich die Erfahrung entstehen:

Ich kann anfangen.
Ich kann etwas verändern.
Ich kann Schwierigkeiten überwinden.
Und ich kann weiterlernen.

Das ist eine wichtige Grundlage für nachhaltige Motivation und Ausdauer beim Lernen.

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