
Lernschwierigkeiten verstehen
Lernschwierigkeiten verstehen – beobachten, einordnen und passend begleiten
Lernschwierigkeiten können sich sehr unterschiedlich zeigen.
Ein Kind liest langsam, obwohl es sich große Mühe gibt. Ein anderes rechnet Aufgaben richtig, benötigt dafür aber ungewöhnlich viel Zeit. Manche Kinder vermeiden bestimmte Aufgaben, verlieren schnell den Mut oder entwickeln Strategien, mit denen Schwierigkeiten lange kaum auffallen.
Deshalb beginnt gute Lernbegleitung nicht mit einer Methode.
Sie beginnt mit der Frage:
Was zeigt sich hier – und was könnte dahinterliegen?
Um Lernende angemessen zu unterstützen, müssen wir genauer hinschauen: auf Leistungen und Fehler, aber ebenso auf Lernwege, Strategien, Erfahrungen, Emotionen und die Bedingungen, unter denen Lernen stattfindet.
Lernschwierigkeiten sind zunächst eine Beobachtung
Nicht jede Schwierigkeit beim Lesen, Schreiben oder Rechnen ist eine Lernstörung.
Kinder entwickeln sich unterschiedlich. Lernverläufe können zeitweise ins Stocken geraten, bestimmte Anforderungen können besonders schwerfallen und äußere oder emotionale Belastungen können sich ebenfalls auf das Lernen auswirken.
Anhaltende Schwierigkeiten können jedoch ein Hinweis darauf sein, genauer hinzuschauen.
Beobachtungen können beispielsweise sein:
- bestimmte Fehler treten über längere Zeit wiederholt auf,
- bereits Gelerntes kann nur schwer auf neue Aufgaben übertragen werden,
- ein Kind benötigt ungewöhnlich viel Zeit und Anstrengung,
- Lösungsstrategien bleiben wenig flexibel,
- grundlegende Vorstellungen beim Lesen, Schreiben oder Rechnen sind unsicher,
- Aufgaben werden zunehmend vermieden,
- Lernen ist mit Angst, Frustration oder starken Konflikten verbunden.
Entscheidend ist nicht ein einzelnes Merkmal, sondern das Muster über einen längeren Zeitraum und in unterschiedlichen Situationen.
Beobachtung vor Bewertung
Gerade bei Lernschwierigkeiten besteht die Gefahr, Verhalten vorschnell zu interpretieren.
Ein Kind arbeitet langsam – also sei es unkonzentriert.
Ein Kind verweigert eine Aufgabe – also sei es unmotiviert.
Ein Kind macht immer wieder denselben Fehler – also habe es nicht genug geübt.
Solche Erklärungen können stimmen. Sie müssen es aber nicht.
Professionelle Lernbegleitung versucht deshalb zunächst zu verstehen:
Wann tritt die Schwierigkeit auf?
Was gelingt bereits?
Welche Strategie verwendet das Kind?
Was geschieht unmittelbar vor einem Fehler oder einem Rückzug?
Wie erlebt das Kind selbst die Situation?
Aus Beobachtungen entstehen so Hypothesen – keine vorschnellen Urteile.
Der Lernweg ist oft aufschlussreicher als das Ergebnis
Ein richtiges Ergebnis bedeutet nicht automatisch, dass ein Lerninhalt verstanden wurde.
Ebenso sagt ein falsches Ergebnis noch nicht, warum ein Kind gescheitert ist.
Deshalb lohnt es sich, Lernende ihre Denkwege erklären zu lassen:
„Wie bist du darauf gekommen?“
„Was hast du zuerst gemacht?“
„Was war schwierig?“
„Kannst du mir zeigen, wie du gedacht hast?“
Gerade beim Lesen, Schreiben und Rechnen können solche Gespräche sichtbar machen, welche Vorstellungen und Strategien bereits vorhanden sind und an welcher Stelle Unterstützung sinnvoll sein könnte.
Die Lernbiografie gehört dazu
Lernschwierigkeiten entstehen und bestehen nicht losgelöst von Erfahrungen.
Ein Kind, das über Jahre erlebt hat, dass es trotz großer Anstrengung schlechter abschneidet als andere, begegnet einer Aufgabe anders als ein Kind, das sich seiner Fähigkeiten sicher ist.
Deshalb gehören zur Lernbegleitung auch Fragen wie:
- Wie hat das Kind Lernen bisher erlebt?
- Welche Rückmeldungen hat es erhalten?
- Was traut es sich selbst zu?
- Welche Situationen erlebt es als belastend?
- Wo hat es bereits Erfolg erfahren?
- Was interessiert und motiviert es?
- Welche Unterstützung erlebt es als hilfreich?
Eine Anamnese in der Lernbegleitung sammelt deshalb nicht einfach Defizite.
Sie versucht, den Menschen in seiner bisherigen Lernentwicklung zu verstehen.
Lernschwierigkeit und diagnostische Einordnung unterscheiden
Pädagogische Fachkräfte und Lehrkräfte können Lernprozesse beobachten, dokumentieren und Lernstände erfassen.
Sie können Auffälligkeiten erkennen und begründete Hinweise geben, wenn eine weiterführende Abklärung sinnvoll erscheint.
Eine medizinische oder psychologische Diagnose ist jedoch etwas anderes.
Bei Verdacht auf eine umschriebene Lernstörung oder bei komplexen Entwicklungs- und Belastungssituationen kann die Zusammenarbeit mit entsprechend qualifizierten Fachstellen notwendig sein.
Für die Lernbegleitung bleibt unabhängig von einer Diagnose eine zentrale Frage bestehen:
Was braucht dieser Mensch jetzt, um den nächsten Lernschritt gehen zu können?
Unterstützung beginnt nicht mit möglichst vielen Methoden
Bei Lernschwierigkeiten liegt es nahe, nach der richtigen Methode zu suchen.
Doch nicht jede Methode passt zu jeder Schwierigkeit.
Bevor Material, Lernsoftware oder eine bestimmte Lernstrategie eingesetzt wird, sollte geklärt werden:
Welches Verständnis oder welche Fähigkeit soll damit entwickelt werden?
Ein Kind kann beispielsweise beim Rechnen von einer strukturierten Mengendarstellung profitieren, wenn Zahl- und Mengenvorstellungen noch unsicher sind.
Ein anderes benötigt Unterstützung dabei, einen Text in sinnvolle Abschnitte zu gliedern.
Ein weiteres Kind versteht den Lernstoff, kann sein Wissen unter Stress aber kaum abrufen.
Die gleiche sichtbare Schwierigkeit kann deshalb unterschiedliche Ursachen haben – und unterschiedliche Unterstützung benötigen.
Unterschiedliche Zugänge ermöglichen
Kinder profitieren davon, Lerninhalte auf unterschiedliche Weise zu erfahren und darzustellen.
Sie können beispielsweise
- etwas handelnd erproben,
- Zusammenhänge visualisieren,
- eigene Worte finden,
- Strukturen markieren,
- Beispiele entwickeln,
- Inhalte erklären,
- digitale Werkzeuge nutzen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Menschen festen visuellen, auditiven oder kinästhetischen „Lerntypen“ zugeordnet werden sollten.
Entscheidend ist vielmehr, welcher Zugang zum jeweiligen Lerngegenstand, zur Situation und zum Lernenden passt.
Unterschiedliche Darstellungen können dabei helfen, Wissen miteinander zu verknüpfen und flexibel verfügbar zu machen.
Digitale Werkzeuge gezielt einsetzen
Digitale Lernangebote können Lernprozesse sinnvoll unterstützen.
Sie können beispielsweise
- unmittelbare Rückmeldungen ermöglichen,
- Aufgaben differenzieren,
- Inhalte visualisieren,
- Wiederholungen strukturieren,
- barriereärmere Zugänge eröffnen.
Aber auch digitale Angebote sind keine Lösung an sich.
Eine App kann viele Aufgaben bereitstellen – sie erkennt deshalb noch nicht automatisch, warum ein Kind eine Aufgabe nicht versteht.
Deshalb sollte auch bei digitalen Werkzeugen gelten:
Das Lernziel bestimmt das Werkzeug – nicht das Werkzeug den Lernprozess.
Zusammenarbeit statt Zuständigkeitsdenken
Bei anhaltenden Lernschwierigkeiten kann die Zusammenarbeit verschiedener Beteiligter besonders wertvoll sein.
Dazu können gehören:
- das Kind oder der Jugendliche selbst,
- Eltern und andere Bezugspersonen,
- Lehrkräfte,
- pädagogische Fachkräfte,
- Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten,
- Schulpsychologie,
- Sonderpädagogik,
- weitere Fachstellen, wenn dies erforderlich ist.
Entscheidend ist dabei nicht, möglichst viele Fachpersonen einzubeziehen.
Wichtig ist eine klare und respektvolle Zusammenarbeit, bei der Beobachtungen aus unterschiedlichen Lebens- und Lernbereichen zusammengeführt werden.
Und der Lernende selbst sollte dabei nicht zum Gegenstand eines Gesprächs werden, sondern – seinem Alter entsprechend – beteiligt sein.
Individuelle Förderung bedeutet nicht individuelles Arbeitsblatt
Individuelle Förderung wird manchmal vor allem mit unterschiedlichen Aufgabenblättern, Schwierigkeitsstufen oder digitalen Lernpfaden verbunden.
Das kann sinnvoll sein, greift aber zu kurz.
Individuelle Lernbegleitung fragt:
Was versteht dieser Mensch bereits?
Welche Strategie verwendet er?
Wo entsteht die Schwierigkeit?
Welche Ressourcen bringt er mit?
Was könnte ein erreichbarer nächster Schritt sein?
Erst daraus lässt sich ableiten, welches Material, welche Aufgabe oder welche Form der Unterstützung tatsächlich sinnvoll ist.
Was Lernbegleitende brauchen
Professionelle Lernbegleitung benötigt deshalb mehr als einen Methodenkoffer.
Wichtig sind insbesondere:
- genaues Beobachten,
- fachliches Wissen über Lernentwicklung,
- die Fähigkeit, Fehler und Strategien zu analysieren,
- Wissen über mögliche Lernschwierigkeiten,
- Gesprächs- und Beziehungskompetenz,
- die Fähigkeit, eigene Deutungen zu hinterfragen,
- Zusammenarbeit mit Eltern und anderen Professionen,
- kontinuierliche fachliche Weiterentwicklung.
Vor allem aber braucht sie die Bereitschaft, nicht vorschnell zu wissen, warum ein Kind etwas nicht kann.
POTENTIALO®-Perspektive: Verstehen, bevor wir handeln
Lernschwierigkeiten zeigen sich an der Oberfläche häufig als Fehler, Langsamkeit, Vermeidung, Unruhe oder Leistungsabfall.
Doch das sichtbare Verhalten erzählt noch nicht die ganze Geschichte.
Deshalb beginnt entwicklungsorientierte Lernbegleitung mit dem Verstehen.
Beobachten.
Nachfragen.
Zusammenhänge erkennen.
Ressourcen wahrnehmen.
Hypothesen bilden.
Passende nächste Schritte entwickeln.
Nicht jede Lernschwierigkeit braucht eine Diagnose.
Nicht jedes Problem braucht mehr Übung.
Und nicht jedes Kind braucht dieselbe Methode.
Gute Lernbegleitung beginnt dort, wo wir den Menschen hinter der Lernschwierigkeit sehen.
