Perfektionismus beim Lernen – wenn Fehler sich wie Versagen anfühlen
Hohe Ansprüche an sich selbst zu haben, ist zunächst nichts Problematisches. Kinder und Jugendliche können Freude daran haben, sich anzustrengen, schwierige Aufgaben zu bewältigen und etwas besonders gut machen zu wollen.
Schwierig wird es, wenn aus dem Wunsch, etwas gut zu machen, die Erwartung entsteht, keine Fehler machen zu dürfen.
Dann kann Perfektionismus das Lernen zunehmend erschweren. Eine Aufgabe wird nicht mehr als Gelegenheit erlebt, etwas herauszufinden oder dazuzulernen. Stattdessen kann jeder Fehler wie ein Beweis dafür erscheinen, nicht gut genug zu sein.
Wenn „gut“ nicht mehr gut genug ist
Perfektionismus zeigt sich beim Lernen nicht immer darin, dass ein Kind besonders viel arbeitet.
Manchmal zeigt er sich genau im Gegenteil:
Ein Kind beginnt eine Aufgabe nicht, weil es fürchtet, sie nicht richtig lösen zu können.
Ein Text wird immer wieder neu geschrieben.
Eine Entscheidung fällt schwer, weil es die eine perfekte Lösung geben müsste.
Ein Fehler beschäftigt das Kind stärker als zehn richtige Antworten.
Oder eine eigentlich gut gelöste Aufgabe fühlt sich trotzdem nicht gut genug an.
Von außen kann dieses Verhalten wie mangelnde Ausdauer, Unsicherheit oder sogar Arbeitsverweigerung wirken.
Dahinter kann jedoch eine ganz andere Botschaft stehen:
„Wenn ich es nicht perfekt machen kann, möchte ich lieber gar nicht erst anfangen.“
Perfektionismus und Fehlerkultur
Lernen ist ohne Fehler nicht möglich.
Wer etwas noch nicht kann, muss ausprobieren, überprüfen, verändern und neu versuchen dürfen. Fehler liefern dabei Informationen: Was habe ich schon verstanden? Wo denke ich noch in eine andere Richtung? Was brauche ich als Nächstes?
Für Kinder mit stark perfektionistischen Ansprüchen kann genau dieser selbstverständliche Teil des Lernens schwierig sein.
Der Fehler wird dann nicht als Rückmeldung über eine Aufgabe erlebt, sondern schnell als Bewertung der eigenen Person:
„Ich habe einen Fehler gemacht“ wird zu „Ich kann das nicht“ oder sogar „Ich bin nicht gut genug“.
Eine entwicklungsorientierte Fehlerkultur trennt deshalb die Leistung von der Person.
Nicht das Kind ist falsch. Eine Lösung kann noch nicht stimmen, eine Strategie kann noch nicht funktionieren oder Wissen kann noch fehlen.
Das kleine Wort „noch“ kann dabei einen wichtigen Unterschied machen.
Woher können perfektionistische Ansprüche kommen?
Perfektionismus hat nicht die eine Ursache.
Eigene Erwartungen, frühere Erfahrungen, Rückmeldungen von Erwachsenen, Vergleiche mit anderen und der Umgang mit Leistung und Fehlern können zusammenspielen.
Auch gut gemeintes Lob kann eine Rolle spielen, wenn Kinder vor allem für Ergebnisse oder besondere Fähigkeiten Anerkennung erfahren.
Dann kann ungewollt die Vorstellung entstehen:
„Ich werde gesehen, wenn ich besonders gut bin.“
Hilfreicher ist es, auch den Prozess wahrzunehmen: die Anstrengung, eine neue Idee, das Dranbleiben, einen Strategiewechsel oder den Mut, nach einem Fehler noch einmal anzufangen.
Was Kinder beim Umgang mit Perfektionismus unterstützt
Erwachsene können einen Lernraum schaffen, in dem Leistung wichtig sein darf, ohne dass Fehler ihren bedrohlichen Charakter behalten.
Dazu gehört beispielsweise:
- realistische und erreichbare Ziele gemeinsam festzulegen,
- Aufgaben in überschaubare Schritte zu teilen,
- Kinder nicht ständig miteinander zu vergleichen,
- Rückmeldungen konkret statt pauschal zu geben,
- Anstrengung, Strategien und Entwicklung wahrzunehmen,
- eigene Fehler selbstverständlich zu zeigen,
- Überarbeitungen als normalen Teil eines Lernprozesses zu betrachten,
- bei schwierigen Aufgaben Pausen und neue Anläufe zuzulassen,
- und Erfolg nicht ausschließlich am fehlerfreien Ergebnis festzumachen.
Dabei geht es nicht darum, Ansprüche abzuschaffen.
Ein Kind darf sorgfältig arbeiten. Es darf ehrgeizig sein. Es darf stolz auf eine besonders gute Leistung sein.
Entscheidend ist, ob der eigene Anspruch Entwicklung ermöglicht oder Entwicklung verhindert.
Von „perfekt“ zu „gut genug für den nächsten Schritt“
Für das Lernen ist eine andere Frage oft hilfreicher als:
„Ist es perfekt?“
Nämlich:
„Ist es gut genug, damit ich den nächsten Schritt gehen kann?“
Damit verändert sich der Blick. Lernen muss nicht abgeschlossen und fehlerfrei sein. Es darf sich entwickeln.
POTENTIALO®-Impuls
Ein Fehler sagt etwas über einen momentanen Lösungsweg aus – nicht über den Wert oder das Potenzial eines Menschen.
Wer Fehler als Information nutzen kann, muss sie nicht mehr um jeden Preis vermeiden.

