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Der Blick entscheidet 

 05. August 2026

Von  Sabine Gessenich

Der Blick entscheidet

Wie professionelle Urteilsbildung in der Pädagogik entsteht

Was geschieht zwischen dem ersten Blick auf ein Kind und dem Urteil, das daraus entsteht?

Ein Kind sitzt vor einem leeren Blatt und beginnt nicht zu schreiben. Ist es unmotiviert? Überfordert? Unsicher? Hat es die Aufgabe nicht verstanden? Oder versucht es gerade, einen Fehler zu vermeiden?

Von außen kann all das zunächst gleich aussehen.

Pädagogische Fachkräfte müssen jeden Tag Entscheidungen treffen – oft schnell, unter Zeitdruck und mit unvollständigen Informationen. Erfahrung hilft dabei, Situationen einzuordnen und handlungsfähig zu bleiben. Doch was geschieht, wenn die erste plausible Erklärung zur einzigen wird?

„Der Blick entscheidet“ richtet die Aufmerksamkeit auf den Moment zwischen Beobachtung und Entscheidung.

Aus mehr als zwei Jahrzehnten lerntherapeutischer und lernberaterischer Praxis entwickelt Sabine Gessenich eine Perspektive auf professionelle Urteilsbildung, die nicht beim Verhalten des Kindes stehen bleibt. Sie fragt auch danach, wie wir selbst zu unseren Einschätzungen gelangen.

Das Buch verfolgt vier miteinander verbundene Fragen:

  • Wie entstehen schnelle pädagogische Urteile, wenn kaum Zeit zum Abwägen bleibt?
  • Was verändert die Sprache, mit der wir ein Kind und sein Verhalten beschreiben?
  • Wonach sucht unser Blick zuerst – nach dem Fehlenden oder nach dem, was bereits trägt?
  • Wann kann eine Lernschwierigkeit pädagogisch aufgefangen werden, und wann ist eine diagnostische Abklärung notwendig?

Dabei geht es weder darum, schnelles Urteilen abzuschaffen, noch darum, Schwierigkeiten kleinzureden oder notwendige Diagnostik infrage zu stellen.

Es geht um einen zweiten, prüfenden Blick.

Mit einem Fünf-Schritte-Ansatz zeigt Gessenich, wie Zuschreibungen erkannt, Beobachtungen konkretisiert, unterschiedliche Erklärungen offengehalten und Entscheidungen bewusster begründet werden können. Der Ansatz ist aus ihrer langjährigen Praxis entstanden und wird im Buch mit Forschung zu Wahrnehmung, Entscheidungsprozessen, Sprache, Ressourcenorientierung und pädagogischer Urteilsbildung in Beziehung gesetzt.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem „übersehenen Korridor“ zwischen „Dieses Kind braucht noch Zeit und gezielte Unterstützung“ und „Dieses Kind braucht diagnostische Abklärung“. Gerade hier zeigt sich, welche Bedeutung fachdidaktisches Wissen dafür haben kann, ein Symptom nicht nur zu registrieren, sondern fachlich zu verstehen.

Am Ende führt das Buch deshalb über die einzelne pädagogische Situation hinaus:

Was müsste sich verändern, wenn professionelle Urteilsbildung nicht nur als Ergebnis von Erfahrung verstanden würde, sondern als Kompetenz, die gezielt reflektiert, geübt und gelehrt werden kann?

Damit richtet sich „Der Blick entscheidet“ an Lehrkräfte und Referendarinnen und Referendare, Lernbegleitende und Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten, pädagogische Fachkräfte, Eltern sowie an Menschen, die Verantwortung für die Ausbildung pädagogischer Fachkräfte tragen.

Kein Buch über das schnelle richtige Urteil.
Ein Buch darüber, wie ein Urteil professionell entstehen kann.

Zur Einordnung

„Der Blick entscheidet“ ist ein theoriegeleiteter Praxisbeitrag. Sabine Gessenich schreibt als Praktikerin, nicht als empirische Forscherin. Das vorgestellte Modell ist aus langjähriger Arbeit mit Kindern, Familien und pädagogischen Fachkräften entstanden und wird bewusst an bestehende Forschung rückgebunden. Wo Beobachtungen aus der Praxis über den bisherigen Forschungsstand hinausgehen, werden sie als offene Hypothesen kenntlich gemacht.

Vier Fachbeiträge zur professionellen Urteilsbildung begleiten diese Arbeit: Wenn schnelles Erkennen nicht reicht, Die Sprache des Urteilens, Der Blick, der stärkt und Der übersehene Korridor. Sie vertiefen einzelne Fragen, die im Buch zu einem Gesamtbild professioneller Urteilsbildung zusammengeführt werden.

Sabine Gessenich · POTENTIALO®

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