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Lernen lernen – Wie der Lerntyp sich von Kindheit an darauf auswirkt 

 15. November 2020

Von  Sabine Gessenich

Tipps für Eltern

Verschiedene Lerntypen und Lerntyp-Analyse

Als Lernberaterin beschäftige ich mich intensiv mit der Frage, welche Auswirkung der persönliche Lerntyp auf das eigene Lernverhalten hat. Dieses Thema ist sehr spannend, denn in der Praxis lassen sich sehr viele Schwierigkeiten, die Kinder und Jugendliche beim Lernen lernen haben durch die Ermittlung des Lerntyps erklären. Wenn Eltern und ihre Kinder verstehen, welche Besonderheiten mit dem jeweils vorherrschenden Lerntyp verbunden sind, lassen sich sehr schnell für das Kind passende Lösungsstrategien erarbeiten. Normalerweise unterscheidet man zwischen dem visuellen, auditiven oder kinästhetischen Lerntyp. Bei keinem Menschen ist nur einer dieser Lerntypen in Reinform vorhanden. Allerdings macht es Sinn, sich die typischen Merkmale der Lerntypen zu verinnerlichen, wenn man analysieren möchte, wo die Lernprobleme eines Kindes möglicherweise herkommen. In Anlehnung an die im Business-Bereich üblichen Kunden-Avatare beschreibe ich deshalb im Folgenden drei verschiedene Lerntyp-Avatare. 

Sehtyp Lisann (Visueller Lerntyp)

Lisann war bereits als Kleinkind ein ruhiges und zufriedenes Kind mit normal entwickelter Sprache und normalem Wortschatz. Sie ist gerne für sich alleine und hat schon sehr früh viel gebastelt und gemalt. Hier hat sie große Fähigkeiten und eine wahnsinnige Geduld. Körperliche Bewegung ist ihr nicht so wichtig. Sich beim Spielen im Freien schmutzig zu machen mag sie gar nicht. Sie kleidete sich schon sehr früh perfekt gestylt und ist auch sehr ordentlich, was ihr Zimmer anbelangt. Sie mag Bücher und Puzzles. Sie lernt am besten durch Beobachten. Da sie etwas zurückhaltend ist, probiert sie das Gesehene erst aus, wenn sie alleine ist. Wenn Erziehende ihr Verhalten korrigieren möchten, reicht meist bereits ein kurzer Blick.  Bereits früh konnte sie ihren Namen buchstabieren.  Im Vorschulalter konnte sie das gesamte Alphabet aus dem Gedächtnis niederschreiben. Beim Nachdenken schaut sie übrigens meistens nach oben. Mit  fünf Jahren konnte sie die Namen ihrer Freunde und ein Dutzend anderer Wörter in Druckbuchstaben schreiben. Sie kann sich auf ihre Augen verlassen und hat einen großen Sinn für Farben. Sie hat viele Ideen und Pläne und denkt logisch und folgerichtig. In der Schule hat sie gute Chancen, denn die meisten Informationen werden visuell angeboten. Hiermit sind Tafeln, Bücher und anschauliche Darstellungen gemeint. Lisann liest sehr gerne und ist gut in Rechtschreibung. Dank ihrer hervorragenden Auge-Hand-Koordination kann sie wunderbar mit Videospielen und dem Computer umgehen. Im ersten Schuljahr fiel es ihr schwer, über einen längeren Zeitraum zuzuhören aber sie zeigte stets ein gutes Benehmen und Respekt gegenüber der Lehrperson. Wenn Lisann etwas sagt, sind ihre Sätze einfach und konkret, mit wenig Änderung in der Intonation und mit sparsamer Gestik. Sie zeigt selten Aufregung, Wut oder andere extreme Stimmungen. Innere Regungen sind bei ihr eher durch weit geöffnete Augen, gerunzelte Augenbrauen oder eine für sie typische Mundstellung zu erkennen. 

Da sie mittlerweile gelernt hat, sich den Lernstoff vor dem inneren Auge vorzustellen, ist sie sehr erfolgreich darin, neue Informationen in ihrem Gehirn abzuspeichern. Die Verwendung von inneren Bildern hilft ihr auch im Fach Mathematik. Lisann arbeitet gerade beim Thema Lernen lernen daran, auch ihre Ohren und ihre Hände als Unterstützung beim Lernen zu verwenden. Eigentlich war ihr mündliche Mitarbeit nie wichtig, weil sie sich das Wissen über Schaubilder oder Karteikarten aneignet. Nachdem sie verstanden hat, dass die Lehrenden Wert auf mündliche Mitarbeit legen, meldet sie sich nun regelmäßig.

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Hörtyp Tom (Auditiver Lerntyp)

Bereits als Kleinkind hat er schon lange Sätze und mehrsilbige Wörter verwendet. Gerne erzählt er jede Einzelheit einer Geschichte und sagt Reime oder Liedtexte wortgetreu auf. Seine Sprache war schon früh der Erwachsenensprache ähnlich und er ahmt gerne Dialekte nach. Da es ihm unwichtig ist, was er anzieht, kann es auch sein, dass er manchmal völlig schräg gekleidet daherkommt. Er mag Gruppenaktivitäten und ist mit fast jedem befreundet. Aufgrund seiner hervorragenden verbalen Fähigkeiten ist er der geeignete Anführer. Er verteilt Rollen, gibt Anweisungen und achtet darauf, dass seine Regeln eingehalten werden. Er zeigt wenig Interesse an Bastelarbeiten, handwerklichen Tätigkeiten oder Puzzles. Statt zu zeichnen, kritzelt er Bilder und erzählt eine Geschichte dazu. Wenn er niemanden zum Spielen hat, hört er Kassetten oder setzt sich vor den Fernseher. Er telefoniert auch sehr gerne. Tom ist hilfsbereit, sympathisch und klug und sehr am Lesen interessiert. Beim Schreiben murmelt er oft mit und beim Lesen bewegt er seine Lippen. Geräusche lenken ihn sehr leicht ab. In der Schule wird er häufiger ermahnt für das Dazwischenrufen von Antworten oder Tuscheln. Zum Lernen lernen braucht er detaillierte sprachliche Anweisungen. Außerdem braucht er seine ganz eigene Ordnung, die besser nicht von außen gestört werden sollte. Wenn man sein Verhalten korrigieren will, muss man ihm sinnvolle Erklärungen liefern. Seine auditiven Fähigkeiten kann Tom ganz hervorragend beim Sprachenlernen nutzen und Sprache einfach durch das Anhören lernen. Ab der vierten Klasse und darüber profitiert er von Lerngruppen und Podcasts. Er hat schon sehr früh ein gutes Verständnis für Mengen und Zahlen. Das einzige Problem, das er in der Grundschule hatte, war Rechtschreibung. Das ist nicht verwunderlich, da im Deutschen über fünfzig Prozent der Wörter anders geschrieben werden, als man sie spricht. ZumThema Rechtschreibung hier reinlesen.

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Bewegungstyp Max (kinästhetischer Lerntyp) 

Schon als Kleinkind ist Max körperlich so aktiv, dass er einfach nicht stillsitzen kann. Er lässt Puzzles, Papier und Stifte sowie kleine Spielsachen links liegen und beschäftigt sich lieber mit seinem Dreirad und später dem Fahrrad. Da er viel in der Natur ist und auf Bäumen herumklettert, kann er nicht auf seine Kleidung achten. Deshalb hat er oft kaputte Sachen an, die allerdings bequem sein müssen. An Tätigkeiten wie Zeichnen oder Perlenauffädeln, die Auge-Hand-Koordination erfordern, ist er nicht interessiert, weil er damit Schwierigkeiten hat. Statt abends Bücher vorgelesen zu bekommen, möchte er viel lieber schmusen. Mit drei Jahren spricht er viele Wörter noch falsch aus. Seine Sätze bestehen aus zwei bis drei Wörtern. Bei Anweisungen oder Belehrungen schaltet er ab und hört nicht zu, weil er oft nichts versteht. Fast täglich hat er Wutanfälle. Auch mit fünf Jahren noch hat er Schwierigkeiten sprachlich zu kommunizieren. Er ist ein sensibles Kind und erkennt die Gefühle anderer schnell. Er sucht stark den Körperkontakt mit anderen. Max  hat ein sehr gutes Koordinationsvermögen und ist in seiner Körperbeherrschung gut zwei Jahre seinen Altersgenossen voraus. Dies kann dazu führen, dass die anderen Kinder sich von ihm abwenden, weil sie immer verlieren. Max verfügt nicht über die sozialen Fähigkeiten zu verhindern, dass die anderen weggehen. Bereits im Kindergarten kommt es zu Schwierigkeiten, weil er bei den Aktivitäten im Sitzen einfach keine Geduld hat, stillzusitzen. Gespräche in der Gruppe, Arbeitsblätter oder Singen sind für ein Kind, das lieber herumrennt, eine Bürde. Da Max die Fähigkeiten fehlen, Zahlen zu schreiben oder ein Lied zu lernen, wendet er sich oft anderen Aktivitäten zu, die dann störend wirken. Beim Lernen lernen benötigt er große Unterstützung, da er nicht aufmerksam zuhören kann und Informationen schlecht verarbeitet. Aufgrund seines Bewegungsdrangs und seiner mangelnden Zugänglichkeit, wenn er Missbilligung von anderen wahrnimmt, hat er es in der Schule schwer.  Beim Nachdenken schaut er oft nach unten. Wenn man sein Verhalten korrigieren will, muss man ihn berühren, sich herunterbeugen und am besten in seine Augen sehen, bevor man die Anweisungen gibt. Max profitiert von Lehrpersonen, die seinem Bewegungsdrang Raum geben. Sie könnten ihm die Möglichkeit geben, auf einem Hüpfball sitzend zu lernen oder Lernelemente in den Unterricht einbauen, bei denen experimentiert oder herumgelaufen wird. Rollenspiele kommen bei Max gut an, da von Natur aus schon mit viel Mimik und Handbewegungen kommuniziert. Ganz wichtig ist für Kinder wie Max eine gute Beziehung zur Lehrperson. Wenn er das Gefühl hat, dass man ihn nicht mag, kann er sogar für seine Lieblingsfächer das Interesse verlieren.

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Fördern Sie das Wahrnehmungsspektrum Ihres Kindes

Konnten Sie bei der einen oder anderen Beschreibung Verhaltensweisen Ihres Kindes wiederfinden? Beobachten Sie über einen längeren Zeitraum, welche Lernzugänge, Strategien und Formen der Wahrnehmung Ihrem Kind besonders entgegenkommen. Solche Beobachtungen können hilfreich sein, um persönliche Eigenheiten und Vorlieben beim Lernen besser zu verstehen.

Auch wenn im Internet häufig von „lerntypgerechten“ Lernstrategien die Rede ist, geht es nicht darum, ein Kind einem bestimmten Lerntyp zuzuordnen und das Lernen anschließend ausschließlich danach auszurichten. Vielmehr sollte Ihr Kind nach und nach unterschiedliche Lerntechniken kennenlernen. Für lebenslanges Lernen ist es hilfreich, über ein möglichst breites Repertoire an Lernstrategien und Zugängen zu verfügen.

Probieren Sie deshalb gemeinsam viele unterschiedliche Methoden aus und beobachten Sie, womit Ihr Kind gut zurechtkommt. Lernt es gerne mit einem Text? Helfen ihm Bilder oder Skizzen dabei, Zusammenhänge zu verstehen und wiederzugeben? Kann es sich Vokabeln leichter merken, wenn es sie hört und gleichzeitig liest?

Kann es sich Bilder besonders gut merken? Spricht es gerne über neue Themen und diskutiert darüber? Lernt es lieber gemeinsam mit anderen oder konzentriert für sich allein?

Dabei geht es nicht darum, den einen „richtigen“ Lernweg zu finden. Unterschiedliche Aufgaben können unterschiedliche Zugänge erfordern. Ermutigen Sie Ihr Kind deshalb dazu, verschiedene Strategien auszuprobieren, miteinander zu kombinieren und mit der Zeit selbst einschätzen zu lernen, was ihm bei welcher Aufgabe hilft.

Was wir unter „Lerntyp“ verstehen

Der Begriff „Lerntyp“ bezeichnet bei POTENTIALO® keine starre Kategorie. Menschen lernen nicht ausschließlich visuell, auditiv oder über Bewegung, und aus einer individuellen Präferenz lässt sich nicht ableiten, dass Lerninhalte ausschließlich in dieser Form angeboten werden sollten.

Die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Lernzugängen dient vielmehr dazu, eigene Gewohnheiten und Präferenzen wahrzunehmen und das persönliche Repertoire an Lernstrategien zu erweitern. Ziel ist es, verschiedene Zugänge und – wo sinnvoll – mehrere Sinne einzubeziehen.

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Lernen lernen – Wie der Lerntyp sich von Kindheit an darauf auswirkt

Den eigenen Lerntyp kennen und sich selbst richtig darauf einzustellen ist sehr wertvoll für den persönlichen Lernerfolg