Das Wort hat das Gehirn
Was in deinem Kopf passiert, wenn du lernst
Hallo!
Ich bin dein Gehirn.
Du kannst mich nicht sehen, obwohl ich immer bei dir bin. Ich helfe dir beim Denken, Erinnern, Sprechen, Rechnen, Träumen und sogar dabei, diesen Satz hier zu lesen.
Ganz schön viel, oder?
Und weißt du was?
Ich kann lernen. Ein Leben lang.
Aber Lernen funktioniert bei mir nicht wie bei einem Computer. Du kannst nicht einfach auf „Speichern“ drücken und schon ist alles für immer da.
Ich brauche ein bisschen mehr.
Ich zeige dir, was mir beim Lernen hilft.
Ich mag Neues – aber nicht alles auf einmal
Stell dir vor, du bekommst ein neues Spiel.
Am Anfang kennst du die Regeln noch nicht. Du probierst etwas aus, machst vielleicht einen Fehler und versuchst es noch einmal.
Nach einer Weile wird es leichter.
Beim Lernen ist das ähnlich.
Wenn du etwas Neues lernst, versuche ich, es mit Dingen zu verbinden, die du schon kennst.
Je mehr du über ein Thema weißt, desto mehr Möglichkeiten habe ich, etwas Neues einzuordnen.
Das ist ein bisschen wie bei einem Puzzle:
Ein einzelnes Puzzleteil ist schwer einzuordnen. Wenn schon viele Teile liegen, findest du seinen Platz viel leichter.
Ich brauche deine Aufmerksamkeit
Vielleicht kennst du das:
Du liest eine Seite in einem Buch.
Am Ende der Seite denkst du:
„Hä? Was habe ich gerade gelesen?“
Keine Sorge. Ich war dabei.
Aber vielleicht war deine Aufmerksamkeit gerade woanders.
Vielleicht hast du an die Pause gedacht. Vielleicht war es laut. Vielleicht warst du müde. Oder vielleicht hast du überhaupt nicht verstanden, worum es ging.
Damit ich etwas gut verarbeiten kann, brauche ich deine Aufmerksamkeit.
Das bedeutet aber nicht, dass du dich stundenlang konzentrieren musst.
Manchmal hilft eine Pause.
Manchmal Bewegung.
Manchmal eine andere Erklärung.
Und manchmal muss man einfach morgen noch einmal anfangen.
Fehler sind für mich Informationen
Jetzt verrate ich dir etwas Wichtiges:
Ich habe nichts gegen Fehler.
Wenn du bei einer Rechenaufgabe zuerst 42 statt 36 herausbekommst, ist das für mich nicht das Ende der Welt.
Interessant wird es, wenn du herausfindest:
Warum habe ich so gerechnet?
Vielleicht hast du eine Regel verwechselt. Vielleicht hast du etwas übersehen. Vielleicht hast du einen Rechenschritt noch nicht verstanden.
Dann kann dein Fehler dir etwas zeigen.
Deshalb ist die wichtigste Frage nach einem Fehler nicht:
„Wie konnte ich nur so blöd sein?“
Sondern:
„Was kann ich daraus herausfinden?“
Ich lerne nicht immer auf dieselbe Weise
Manche Dinge verstehst du vielleicht besser, wenn du sie liest.
Bei anderen hilft dir eine Zeichnung.
Manchmal musst du etwas selbst ausprobieren.
Vielleicht hilft es dir auch, jemandem zu erklären, was du gerade gelernt hast.
Das bedeutet aber nicht, dass du nur eine Art zu lernen hast.
Du bist nicht einfach ein „Bilder-Lerner“, ein „Hör-Lerner“ oder ein „Bewegungs-Lerner“.
Du kannst viele verschiedene Wege benutzen.
Und das ist gut.
Denn eine Landkarte lernst du anders als ein Gedicht. Fahrradfahren lernst du anders als Rechtschreibung. Und eine Rechenaufgabe verlangt wieder etwas anderes von dir.
Je mehr Lernwege du kennst, desto besser kannst du ausprobieren, welcher gerade zu deiner Aufgabe passt.
Ich mag Verbindungen
Wenn du etwas nur fünfmal hintereinander liest, heißt das noch lange nicht, dass du es morgen noch weißt.
Viel hilfreicher kann es sein, wenn du mit dem neuen Wissen etwas machst.
Du kannst zum Beispiel:
es mit eigenen Worten erklären,
eine Frage dazu beantworten,
eine Zeichnung machen,
ein Beispiel finden,
es jemand anderem erklären,
dich später selbst abfragen.
Damit hilfst du mir, neues Wissen mit Dingen zu verbinden, die schon da sind.
Und genau diese Verbindungen sind beim Lernen wichtig.
Manchmal kann ich nicht so gut lernen
Es gibt Tage, da klappt Lernen einfach nicht besonders gut.
Vielleicht bist du müde.
Vielleicht hast du Hunger.
Vielleicht gab es Streit.
Vielleicht hast du Angst vor einer Klassenarbeit.
Vielleicht denkst du schon vor der ersten Aufgabe:
„Das kann ich sowieso nicht.“
Solche Dinge können es schwieriger machen, aufmerksam zu sein, nachzudenken oder sich etwas zu merken.
Das bedeutet nicht, dass mit dir etwas nicht stimmt.
Es bedeutet erst einmal:
Wir sollten herausfinden, was gerade los ist.
Andere Menschen können mir beim Lernen helfen
Jetzt kommt etwas, das viele beim Lernen vergessen:
Ich sitze zwar in deinem Kopf.
Aber ich lerne nicht allein.
Menschen um dich herum können einen großen Unterschied machen.
Eine Lehrerin, bei der du dich traust zu fragen.
Ein Vater, der nicht schimpft, wenn etwas nicht sofort klappt.
Eine Freundin, mit der du gemeinsam über eine schwierige Aufgabe nachdenkst.
Oder jemand, der sagt:
„Komm, wir schauen uns gemeinsam an, wo es schwierig wird.“
Wenn du dich sicher fühlst und keine Angst davor haben musst, etwas falsch zu machen, kannst du dich leichter auf eine Aufgabe einlassen.
Deshalb gehören Beziehung und Lernen zusammen.
Ich kann mich verändern
Vielleicht hast du irgendwann einmal gedacht:
„Ich bin einfach schlecht in Mathe.“
Oder:
„Ich kann keine Rechtschreibung.“
Da möchte ich widersprechen.
Was du heute kannst, sagt nicht automatisch, was du später können wirst.
Ich kann mich verändern.
Wenn du übst, Erfahrungen sammelst und Neues lernst, verändern sich auch die Verbindungen in mir.
Das nennt man Neuroplastizität.
Das ist ein schwieriges Wort für eine ziemlich schöne Sache:
Dein Gehirn kann sich durch Erfahrungen und Lernen verändern.
Und das hört nicht nach der Grundschule auf.
Auch Erwachsene können noch Neues lernen.
Sogar sehr alte Menschen können das.
Aber ich kann nicht zaubern
Jetzt muss ich noch etwas klarstellen.
Vielleicht hast du schon Sätze gehört wie:
„Du musst nur an dich glauben.“
Oder:
„Jeder kann alles schaffen.“
So einfach ist es nicht.
Menschen sind unterschiedlich.
Sie haben unterschiedliche Stärken, Voraussetzungen, Erfahrungen und manchmal auch echte Schwierigkeiten beim Lernen.
Deshalb hilft nicht jedem Menschen dasselbe.
Und manchmal braucht ein Kind besondere Unterstützung.
Das ist völlig in Ordnung.
Die wichtige Frage lautet nicht:
„Warum kannst du das nicht?“
Sondern:
„Was brauchst du, damit der nächste Schritt möglich wird?“
Wenn ihr mich verstehen wollt …
Liebe Kinder, Eltern und Lehrkräfte:
Wenn ihr wissen wollt, warum Lernen manchmal gelingt und manchmal schwierig ist, schaut nicht nur auf mich.
Schaut auf den ganzen Menschen.
Was weiß das Kind schon?
Was hat es verstanden?
Wie geht es ihm?
Was interessiert es?
Wo wird es schwierig?
Welche Strategie benutzt es?
Welche Erfahrungen hat es bisher gemacht?
Und wer begleitet es dabei?
Denn ich bin zwar das Gehirn.
Aber Lernen entsteht nicht einfach irgendwo zwischen meinen Nervenzellen.
Es ist etwas, das ein Mensch tut – mit seinem Wissen, seinen Erfahrungen, seinen Gefühlen und gemeinsam mit anderen Menschen.
Und deshalb lautet meine wichtigste Botschaft:
Schaut nicht nur darauf, was ein Kind kann.
Versucht zu verstehen, wie es lernt – und was es für seinen nächsten Schritt braucht.
Weiterführende Links
- Gerald Hüther: Potenzialentfaltung im Bildungssystem Webseite: https://www.gerald-huether.de
- Projektbasiertes Lernen erklärt Webseite: https://www.projektlernen.de
- Die Bedeutung der Plastizität im Gehirn Webseite: https://www.gehirnforschung.de/plastizitaet
