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Eltern in die Lerntherapie einbeziehen 

 24. Januar 2022

Von  Sabine Gessenich

Eltern in die Lernbegleitung einbeziehen – unterstützen, ohne zusätzlichen Druck zu erzeugen

Eltern sind für Kinder wichtige Bezugspersonen und erleben häufig sehr unmittelbar, wie sich Lernschwierigkeiten auf den Alltag auswirken.

Sie sehen Frustration bei den Hausaufgaben, erleben Sorgen vor Klassenarbeiten oder beobachten, wie ein Kind zunehmend an seinen Fähigkeiten zweifelt. Viele Eltern möchten helfen – und fragen sich gleichzeitig, wie viel Unterstützung sinnvoll ist und wann gut gemeinte Hilfe zusätzlichen Druck erzeugt.

Eltern einzubeziehen kann deshalb ein wichtiger Bestandteil von Lernbegleitung sein.

Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass Eltern zu Hause zu Lerntherapeutinnen oder Lerntherapeuten werden sollten.

Eltern kennen ihr Kind in einem anderen Kontext

Eltern verfügen über Wissen, das für professionelle Lernbegleitung wertvoll sein kann.

Sie können beispielsweise berichten:

  • Seit wann bestehen die Schwierigkeiten?
  • In welchen Situationen treten sie besonders deutlich auf?
  • Was gelingt dem Kind außerhalb der Schule gut?
  • Wie erlebt das Kind Hausaufgaben und Prüfungssituationen?
  • Welche bisherigen Unterstützungsversuche waren hilfreich?
  • Wo entstehen regelmäßig Konflikte?
  • Was sagt das Kind selbst über seine Schwierigkeiten?

Diese Beobachtungen können helfen, Lernprobleme nicht isoliert zu betrachten, sondern im Zusammenhang mit der Lernbiografie und der aktuellen Lebenssituation des Kindes zu verstehen.

Wann die Beteiligung von Eltern hilfreich sein kann

Eltern können Lernprozesse besonders gut unterstützen, wenn die gemeinsame Lernzeit nicht von Druck und Konflikten geprägt ist.

Hilfreich kann es sein, wenn Eltern

  • Interesse zeigen, ohne ständig zu kontrollieren,
  • überschaubare Strukturen schaffen,
  • gemeinsam mit dem Kind Lernzeiten planen,
  • Fortschritte wahrnehmen,
  • bei Schwierigkeiten ansprechbar bleiben,
  • vereinbarte Übungen begleiten,
  • Rückmeldungen an Lernbegleitende geben.

Dabei muss Unterstützung nicht bedeuten, täglich lange mit dem Kind zu üben.

Manchmal besteht die wichtigste Unterstützung darin, Ruhe, Orientierung und Verlässlichkeit zu schaffen.

Wann gemeinsames Lernen zur Belastung werden kann

Nicht in jeder Familie ist es sinnvoll, Eltern unmittelbar in Übungen oder Förderaufgaben einzubeziehen.

Problematisch kann es beispielsweise werden, wenn

  • Hausaufgaben regelmäßig zu Konflikten führen,
  • hohe Leistungserwartungen zusätzlichen Druck erzeugen,
  • das Kind Unterstützung durch die Eltern als Kontrolle erlebt,
  • Eltern selbst stark belastet sind,
  • im Familienalltag kaum zeitliche oder emotionale Ressourcen vorhanden sind,
  • Eltern und Kind in eine festgefahrene Lern- und Konfliktdynamik geraten.

Dann kann es entlastend sein, Lernen und familiäre Beziehung stärker voneinander zu trennen.

Das ist kein Scheitern der Eltern.

Es kann vielmehr eine bewusste Entscheidung sein, die Beziehung zu schützen und bestimmte Lernprozesse in professionelle Hände zu geben.

Eltern müssen nicht zu Fachleuten werden

Eltern brauchen keine therapeutische Ausbildung, um ihr Kind beim Lernen zu unterstützen.

Wenn bestimmte Übungen zu Hause sinnvoll sind, sollten sie

  • verständlich erklärt,
  • zeitlich überschaubar,
  • fachlich passend,
  • und für Eltern und Kind gut umsetzbar sein.

Entscheidend ist nicht die Menge der zusätzlichen Übungen.

Entscheidend ist, ob sie zum Lernziel passen und das Kind dabei unterstützen, Verständnis, Sicherheit und zunehmend eigene Strategien zu entwickeln.

Lernen darf nicht zum Dauerthema der Familie werden

Bei anhaltenden Lernschwierigkeiten kann sich der Familienalltag zunehmend um Schule drehen.

Hausaufgaben, Übungszeiten, Klassenarbeiten und Noten bestimmen dann Gespräche und gemeinsame Zeit.

Gerade deshalb braucht es auch Räume, in denen das Kind nicht als Schüler oder Schülerin betrachtet wird.

Kinder brauchen Erfahrungen, in denen sie

  • etwas gut können,
  • selbst entscheiden,
  • spielen oder ihren Interessen nachgehen,
  • Anerkennung unabhängig von schulischer Leistung erfahren,
  • einfach Teil ihrer Familie sein können.

Ein Kind ist immer mehr als seine schulischen Schwierigkeiten.

Gemeinsam vereinbaren statt täglich verhandeln

Wenn zu Hause geübt werden soll, können klare Vereinbarungen entlasten.

Statt jeden Tag neu darüber zu diskutieren, wann und wie lange gelernt wird, können Eltern und Kind gemeinsam festlegen:

Wann passt eine kurze Lernzeit gut in unseren Alltag?

Was genau soll geübt werden?

Wie lange dauert die Einheit?

Woran erkennen wir, dass wir für heute fertig sind?

Gerade kurze, überschaubare Einheiten können hilfreicher sein als lange Übungsphasen, in denen Konzentration und Motivation zunehmend verloren gehen.

Ein Wochenplan kann dabei unterstützen – er sollte jedoch Orientierung geben und nicht zu einem weiteren Kontrollinstrument werden.

Zusammenarbeit braucht Austausch

Wenn ein Kind professionell begleitet wird, sollten Eltern wissen, woran gearbeitet wird und warum.

Gleichzeitig können ihre Beobachtungen wichtige Hinweise für die weitere Begleitung liefern.

Ein regelmäßiger Austausch kann beispielsweise klären:

  • Was hat sich verändert?
  • Was gelingt inzwischen besser?
  • Wo entstehen weiterhin Schwierigkeiten?
  • Welche Unterstützung funktioniert zu Hause?
  • Was führt eher zu Konflikten?
  • Was kann das Kind bereits selbst übernehmen?

So entsteht keine Einbahnstraße, in der Fachpersonen den Eltern lediglich Übungen mitgeben.

Es entsteht eine gemeinsame Reflexion darüber, was dem Kind tatsächlich hilft.

Wenn Familien selbst unter Belastung stehen

Nicht jede Familie verfügt über dieselben zeitlichen, finanziellen oder emotionalen Möglichkeiten.

Schichtarbeit, finanzielle Sorgen, Erkrankungen, Trennung, beengte Wohnverhältnisse, Sprachbarrieren oder andere Belastungen können beeinflussen, wie viel Unterstützung Eltern im Lernalltag leisten können.

Professionelle Lernbegleitung sollte deshalb nicht vorschnell fragen:

„Warum üben die Eltern nicht mehr mit ihrem Kind?“

Sondern:

„Welche Unterstützung ist unter den tatsächlichen Lebensbedingungen dieser Familie möglich und hilfreich?“

Damit wird die Lebenssituation nicht zur Bewertung der Familie, sondern zu einem Teil der professionellen Einschätzung.

POTENTIALO®-Perspektive: Eltern einbeziehen heißt Beziehung mitdenken

Elternarbeit in der Lernbegleitung bedeutet nicht, Verantwortung für Förderung einfach an die Familie weiterzugeben.

Es bedeutet, Eltern als wichtige Bezugspersonen ernst zu nehmen, ihre Beobachtungen einzubeziehen und gemeinsam zu überlegen, welche Rolle sie sinnvoll übernehmen können.

Manchmal bedeutet das, ein Kind beim Üben zu begleiten.

Manchmal bedeutet es, Struktur zu geben.

Manchmal bedeutet es, Mut zu machen.

Und manchmal ist die beste Unterstützung, Lernen bewusst aus der Eltern-Kind-Beziehung herauszunehmen und Verantwortung abzugeben.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:

„Wie stark müssen Eltern in die Förderung eingebunden werden?“

Sondern:

„Welche Form der Beteiligung unterstützt dieses Kind und diese Familie – ohne zusätzliche Belastung zu erzeugen?“

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