Einleitung: Das Rätsel des stummen "h"
Kennen Sie das? Sie schreiben ein Wort wie „Zahn“ oder „Mehl“ und zögern. Braucht es hier ein stummes „h“ oder nicht? Diese Verwirrung ist weit verbreitet, denn dieses „h“ wird nicht gesprochen, muss aber geschrieben werden. Warum existiert es überhaupt, wenn man es doch gar nicht hören kann? Dieser Artikel deckt die fünf überraschendsten und wichtigsten Erkenntnisse zum Dehnungs-h auf – und vieles davon steht im Widerspruch zu dem, was Sie vielleicht in der Schule gelernt haben.
Erkenntnis 1: Die beliebteste Regel ist falsch (und schadet mehr, als sie nützt)
Die „lmnr-Regel“ ist eine Falle
Viele haben die sogenannte „lmnr-Regel“ gelernt. Sie besagt, dass ein Dehnungs-h nur vor den Buchstaben l, m, n oder r stehen kann. Diese Regel ist jedoch hochgradig irreführend und führt oft zu Fehlern.
Das Problem: Sie suggeriert, dass man immer ein „h“ schreiben muss, wenn nach einem langen Vokal einer dieser Buchstaben folgt. Das ist schlichtweg falsch. Unzählige Gegenbeispiele beweisen das Gegenteil:
Melone
Palme
Regime
Banane
Garage
All diese Wörter haben einen langen Vokal gefolgt von l, m, n oder r, werden aber ohne Dehnungs-h geschrieben. Der entscheidende Unterschied ist: Die Beobachtung beschreibt nur, wo ein Dehnungs-h überhaupt vorkommen kann, aber sie sagt uns nicht, wann es stehen muss.
Erkenntnis 2: Es gibt keine verlässliche Regel
Die unbequeme Wahrheit: Es gibt keine logische Regel
Dies ist die frustrierendste, aber auch wichtigste Tatsache: Es gibt keine zuverlässige, logische Regel, die vorhersagt, wann ein Dehnungs-h geschrieben wird und wann nicht. Die deutsche Rechtschreibung ist an dieser Stelle willkürlich. Betrachten Sie diese Wortpaare, die eine identische Lautstruktur haben, aber unterschiedlich geschrieben werden:
Mehl vs. Gel
Zahn vs. Plan
Wahl vs. Tal
Stuhl vs. Tür
Es gibt keinen lautlichen Grund für die unterschiedliche Schreibung. Diese Erkenntnis ist zentral.
Diese Willkürlichkeit ist frustrierend, aber sie ist eine Tatsache der deutschen Rechtschreibung. Kinder sollten früh lernen, dass es beim Dehnungs-h keine sichere Regel gibt und dass auch Erwachsene oft nachschlagen müssen.
Diese Wahrheit kann aber auch befreiend sein. Sie entbindet uns von der vergeblichen Suche nach einer Logik, wo keine existiert, und lenkt den Fokus auf Strategien, die wirklich funktionieren.
Erkenntnis 3: Das "h" ist eine Lesehilfe, keine Schreibregel
Das Dehnungs-h wurde für Leser erfunden, nicht für Schreiber
Der ursprüngliche Zweck des Dehnungs-h war es, als Lesehilfe zu dienen. Es signalisiert dem Leser, dass der vorangehende Vokal lang ausgesprochen wird.
Tatsächlich ist das Dehnungs-h nur eine von mehreren uneinheitlichen Methoden im Deutschen, um lange Vokale zu kennzeichnen. Andere sind die Vokalverdopplung wie in Meer oder Boot und der Sonderfall des langen i-Lauts, der meist als ie geschrieben wird, wie in Tier.
Hier liegt der Kern des Problems: Was dem Leser hilft, stellt für den Schreibenden eine Herausforderung dar, weil das Zeichen nicht hörbar ist. Wenn wir diesen Zweck verstehen, verändert sich unsere Perspektive. Das Dehnungs-h ist keine unlogische Schreibvorschrift, sondern ein historisch gewachsenes Merkmal unserer Schriftsprache, das dem Lesefluss dient.
Erkenntnis 4: Wortfamilien schlagen jede Regel
Vergessen Sie Regeln, lernen Sie in Familien
Die wirksamste Strategie im Umgang mit dem Dehnungs-h ist die Arbeit mit Wortfamilien. Das Prinzip ist einfach und verlässlich: Hat das Stammwort ein Dehnungs-h, behalten es auch alle verwandten Wörter bei.
Von Zahn leiten sich ab: Zähne, Zahnbürste, zahnlos.
Von fahren leiten sich ab: Fahrer, Fahrt, Abfahrt.
Von nehmen leiten sich ab: Nehmer, Annahme, benehmen.
Als ebenso wichtige, ergänzende Strategie hat sich das gezielte Lernen von Häufigkeitswörtern bewährt. Anstatt alle Wörter lernen zu wollen, konzentriert man sich auf die wichtigsten. Für den Alltag wichtig sind Jahr, Uhr, Zahl, Wahl und Bahn. Bei Körperteilen begegnen uns Ohr, Zahn und Haar. Häufige Verben mit Dehnungs-h sind fahren, nehmen, sehen, gehen, wohnen und zählen.
Diese Methoden setzen auf den Aufbau von Wortschatz und die Erkennung von Mustern – eine weitaus effektivere Strategie als das Auswendiglernen von fehleranfälligen und unvollständigen Regeln.
Erkenntnis 5: Nachschlagen ist ein Zeichen von Stärke, nicht von Schwäche
Selbst Experten sind unsicher – und das ist völlig normal
Das Dehnungs-h gehört zu den schwierigsten Bereichen der deutschen Rechtschreibung. Selbst geübte Schreiber und Erwachsene sind hier oft unsicher. Deshalb ist es für Lernende – und Lehrende – entscheidend, das Nachschlagen im Wörterbuch oder online als normale und kluge Strategie zu etablieren.
Dies als Schwäche zu betrachten, ist ein Fehler. Im Gegenteil: Im Zweifel nachzusehen ist ein Zeichen von Verantwortung und Sorgfalt im Umgang mit der Sprache. Das Ziel sollte nicht unerreichbare Perfektion sein, sondern der souveräne Umgang mit Unsicherheit und die Kenntnis wirksamer Strategien.
Fazit: Ein neuer Blick auf die Rechtschreibung
Die Auseinandersetzung mit dem Dehnungs-h lehrt uns eine wichtige Lektion: Der Fokus sollte sich von der Jagd nach unzuverlässigen Regeln hin zum Aufbau eines soliden Wortschatzes durch die Arbeit mit Wortfamilien und das bewusste Lernen der häufigsten Wörter verschieben.
Was, wenn der beste Weg, die Tücken der Rechtschreibung zu meistern, nicht darin besteht, jede Regel zu kennen, sondern darin, zu wissen, wann man ihnen misstrauen und stattdessen auf bewährte Strategien setzen sollte?
Die Strategie ist die wahre Lösung
Sie haben jetzt die Problematik mit dem Dehnungs-h erkannt. Doch diese Strategie muss trainiert und automatisiert werden, damit sie Ihr Kind im Schulalltag fehlerfrei anwenden kann. In meinem Kurs "Die Wort-Entdecker" habe ich diese Logik in 10 heldenhafte, spielerische Tricks verpackt. Jeder Trick wird in drei Levels (Level 2, 3, 4) erklärt und im Arbeitsbuch gefestigt. Hören Sie auf, Regeln zu büffeln – geben Sie Ihrem Kind das System an die Hand!
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