Der Blick entscheidet: Was geschieht zwischen Beobachtung und Urteil über ein Kind?
Sabine Gessenich rückt professionelle Urteilsbildung in den Mittelpunkt – und fragt, was geschehen muss, bevor aus einer Beobachtung eine Entscheidung über ein Kind wird.
Ingelheim am Rhein, 2. September 2026 – Mia ist acht Jahre alt. Sie gilt zunächst als verträumt, später als konzentrationsschwach. Schließlich steht sogar die Frage im Raum, ob eine Lernbehinderung vorliegen könnte und ein Wechsel auf eine Förderschule geprüft werden sollte.
Dann verändert ein anderer Blick auf dieselben Schwierigkeiten die Situation.
Die Auffälligkeiten zeigen sich vor allem bei visuell anspruchsvollen Aufgaben. Eine vertiefte Untersuchung ergibt schließlich eine ausgeprägte Störung des beidäugigen Zusammenspiels. Nach entsprechender Unterstützung verschwinden viele der zuvor als Konzentrationsprobleme gedeuteten Auffälligkeiten. Mia bleibt auf ihrer Schule und entwickelt sich zu einer sicheren Schülerin.
Für die Lerntherapeutin und Lernberaterin Sabine Gessenich steht dieser Fall für eine Frage, die sie seit vielen Jahren beschäftigt:
Was geschieht, wenn die erste plausible Erklärung für das Verhalten eines Kindes zur einzigen wird?
Wenn der erste Eindruck Folgen bekommt
Pädagogische Fachkräfte müssen jeden Tag Entscheidungen treffen – häufig unter Zeitdruck und mit unvollständigen Informationen. Schnelles Erkennen ist deshalb nicht das Problem. Ohne die Fähigkeit, Erfahrungen und bekannte Muster zu nutzen, wäre pädagogischer Alltag kaum zu bewältigen.
Entscheidend wird vielmehr der Moment danach: Bleibt eine erste Einschätzung eine vorläufige Deutung – oder wird sie zur vermeintlichen Gewissheit?
Ein Kind sitzt vor einem leeren Blatt und beginnt nicht zu schreiben. Ist es unmotiviert? Überfordert? Unsicher? Hat es die Aufgabe nicht verstanden? Oder versucht es gerade, einen Fehler zu vermeiden?
Von außen kann all das zunächst gleich aussehen.
Gessenich beschäftigt deshalb nicht die Frage, wie sich schnelles Urteilen verhindern lässt. Sie fragt, was zwischen dem ersten Eindruck und einer pädagogischen Entscheidung geschehen kann, damit eine plausible Erklärung nicht vorschnell zur einzigen wird.
Professionelle Urteilsbildung als Kompetenz
Aus mehr als zwei Jahrzehnten Arbeit mit Kindern, Familien und pädagogischen Fachkräften hat Gessenich einen Fünf-Schritte-Ansatz professioneller Urteilsbildung entwickelt.
Er setzt dort an, wo eine Situation nicht eindeutig ist: Zuschreibungen werden erkannt, Beobachtungen konkretisiert, mehrere mögliche Erklärungen offengehalten, Prozesse bei Bedarf bewusst verlangsamt und Entscheidungen auf Grundlage der tatsächlich vorliegenden Beobachtungen und geprüften Hypothesen getroffen.
Der Ansatz soll Intuition und Erfahrung nicht ersetzen. Er ergänzt sie um einen prüfenden zweiten Blick.
Dahinter steht eine zentrale These von Gessenichs Arbeit:
Professionelle Urteilsbildung ist keine Charaktereigenschaft einzelner besonders erfahrener Menschen. Sie ist eine Kompetenz, die beschrieben, reflektiert, geübt und gelehrt werden kann.
Erste Fachbeiträge bei peDOCS veröffentlicht
Zwei Fachbeiträge von Sabine Gessenich zur professionellen Urteilsbildung sind inzwischen über peDOCS öffentlich zugänglich.
„Wenn schnelles Erkennen nicht reicht“ beschäftigt sich mit pädagogischen Entscheidungen unter Zeitdruck und der Frage, wie professionelle Urteilsbildung trainierbar werden kann.
„Die Sprache des Urteilens“ richtet den Blick darauf, was geschieht, sobald Beobachtungen sprachlich gefasst werden. Zwischen „Er hat noch nicht angefangen“ und „Er ist unmotiviert“ liegen nur wenige Worte – aber eine grundlegende Verschiebung: Die erste Aussage beschreibt zunächst Beobachtbares, die zweite enthält bereits eine Interpretation.
Zwei weitere Fachbeiträge sollen bis Herbst folgen. „Der Blick, der stärkt“ beschäftigt sich mit Ressourcenorientierung als professioneller Wahrnehmungsrichtung. „Der übersehene Korridor“ richtet den Blick auf die Schwelle zwischen pädagogischer Begleitung und diagnostischer Abklärung.
Die Fachbeiträge sind über peDOCS frei zugänglich:
Fachbeiträge von Sabine Gessenich bei peDOCS
Nicht gegen Diagnostik – sondern für eine fundierte Entscheidung davor
Besonders folgenreich wird professionelle Urteilsbildung dort, wo entschieden werden muss, ob eine Lernschwierigkeit pädagogisch weiter begleitet werden kann oder eine diagnostische Abklärung notwendig wird.
Gessenich wendet sich ausdrücklich nicht gegen Diagnostik. Wo fachliche Möglichkeiten an ihre Grenzen kommen, kann eine diagnostische Abklärung notwendig und hilfreich sein.
Doch zwischen „Dieses Kind braucht noch Zeit und Unterstützung“ und „Dieses Kind braucht Diagnostik“ liegt häufig ein pädagogischer Korridor.
Wie sicher Fachkräfte sich darin bewegen können, hängt nach Gessenichs Praxiserfahrung auch davon ab, wie differenziert sie Lernprozesse fachlich verstehen können. Fachdidaktische Tiefe und Ressourcenorientierung gehören dabei zusammen: Fachwissen ohne Ressourcenblick kann Schwierigkeiten immer präziser beschreiben, ohne Entwicklungsmöglichkeiten ausreichend wahrzunehmen. Ressourcenorientierung ohne fachliche Tiefe wiederum kann wohlwollend bleiben, ohne konkrete Ansatzpunkte für Förderung zu eröffnen.
Was bedeutet das für die Lehrerbildung?
Damit führt die Beschäftigung mit dem einzelnen Kind zu einer größeren Frage: Wie lernen eigentlich diejenigen urteilen, die täglich pädagogische Entscheidungen treffen müssen?
Gessenich plädiert dafür, professionelle Urteilsbildung stärker als eigenständige Kompetenz in Aus- und Fortbildung zu verankern.
Dazu gehören strukturierte Fallreflexion, die bewusste Unterscheidung zwischen Beobachtung und Bewertung, die Reflexion der eigenen Sprache, Ressourcenorientierung und fachdidaktisches Tiefenwissen.
Dabei geht es nicht um einen Vorwurf an einzelne Lehrkräfte. Gessenich versteht die Frage strukturell: Erfahrung ist unverzichtbar – doch professionelle Urteilsbildung sollte nicht ausschließlich etwas sein, das sich über viele Berufsjahre mehr oder weniger von selbst entwickelt.
In ihrem Buchmanuskript bringt sie diese Überlegung auf einen zentralen Punkt:
„Was fehlt, ist nicht guter Wille. Was fehlt, ist ein Curriculum, das den Moment zwischen Beobachtung und Handlung selbst zum Gegenstand macht.“
Eine Stimme aus der Praxis
Gessenich bezeichnet ihre Arbeit bewusst als theoriegeleiteten Praxisbeitrag. Sie schreibt als Praktikerin, nicht als empirische Forscherin.
Ihr Modell ist aus langjähriger Arbeit mit Kindern, Familien und pädagogischen Fachkräften entstanden und wird an bestehende Forschung rückgebunden. Wo ihre Praxiserfahrung zu weiterführenden Annahmen führt, unterscheidet sie diese ausdrücklich von empirisch belegten Aussagen und versteht sie auch als mögliche Ausgangspunkte für weitere Forschung.
„Der Blick entscheidet“
Parallel zu den Fachbeiträgen arbeitet Gessenich an der Fertigstellung ihres Buches „Der Blick entscheidet – Wie professionelle Urteilsbildung in der Pädagogik entsteht“.
Darin führt sie die unterschiedlichen Ebenen ihrer Arbeit zusammen: die Entstehung schneller Urteile, die Sprache des Urteilens, Ressourcenorientierung, fachdidaktische Tiefe und die Schwelle zur Diagnostik sowie die daraus entstehenden Konsequenzen für die Ausbildung pädagogischer Fachkräfte.
Im Mittelpunkt steht dabei eine Verschiebung, die über die Frage hinausgeht, was bei einem Kind zu beobachten ist:
Nicht nur das Kind wird betrachtet. Auch der Blick der Betrachtenden gehört zur professionellen Arbeit.
Denn bevor über Förderung, Diagnostik oder weitere Lernwege entschieden wird, ist bereits etwas Entscheidendes geschehen: Ein Mensch hat hingesehen. Und aus dem, was er gesehen hat, ist eine Bedeutung entstanden.
Kein Plädoyer gegen schnelle Entscheidungen. Kein Plädoyer gegen Diagnostik. Sondern für die professionelle Gestaltung des Raums dazwischen.
Über Sabine Gessenich
Sabine Gessenich ist Lerntherapeutin, Lernberaterin und Begründerin des POTENTIALO®-Ansatzes. Seit mehr als 25 Jahren begleitet sie Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Seit 2017 arbeitet sie in ihrer eigenen Lernberatung in Ingelheim am Rhein. Ihre Arbeit verbindet lerntherapeutische Erfahrung mit entwicklungspsychologischen, neurobiologischen und beziehungsorientierten Perspektiven sowie Fragen professioneller pädagogischer Urteilsbildung.
