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Medienkompetenz als Herausforderung an Schule und Bildung 

 22. Dezember 2019

Von  Sabine Gessenich

Wie kann die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen gestärkt werden?


lehrerin zeigt kleinen kinder etwas am tablet


Medienkompetenz heute – verstehen, prüfen und verantwortlich handeln

Kinder und Jugendliche wachsen in einer Welt auf, in der Informationen jederzeit verfügbar sind. Suchmaschinen, soziale Netzwerke, Videoplattformen und Künstliche Intelligenz liefern innerhalb weniger Sekunden Antworten, Bilder, Erklärungen und Empfehlungen.

Doch Informationen verfügbar zu haben bedeutet noch nicht, sie zu verstehen.

Die zentrale Herausforderung besteht heute zunehmend darin, Informationen auszuwählen, Quellen einzuordnen, Inhalte kritisch zu prüfen und digitale Medien verantwortlich zu nutzen.

Medienkompetenz ist deshalb weit mehr als die Fähigkeit, digitale Geräte oder Anwendungen bedienen zu können.

Medienkompetenz beginnt früher, als viele denken

Bereits kleine Kinder begegnen digitalen Medien ganz selbstverständlich. Sie sehen Videos, nutzen Apps, betrachten Fotos auf Smartphones oder erleben Erwachsene im Umgang mit digitalen Geräten.

Medienbildung beginnt deshalb nicht erst dann, wenn Kinder selbstständig im Internet recherchieren oder soziale Netzwerke nutzen.

Sie beginnt mit gemeinsamen Erfahrungen und Gesprächen.

Erwachsene können Kinder beispielsweise fragen:

  • Was hast du dort gesehen?
  • Woher könnte diese Information kommen?
  • Glaubst du, dass das wirklich passiert ist?
  • Warum könnte jemand dieses Video gemacht haben?
  • Wie fühlst du dich, wenn du das siehst?
  • Was möchtest du darüber noch wissen?

Es geht nicht darum, Kinder möglichst früh mit möglichst viel Technik vertraut zu machen.

Es geht darum, sie schrittweise dabei zu unterstützen, digitale Erfahrungen wahrzunehmen, zu verstehen und einzuordnen.

Von der Information zur Urteilsfähigkeit

Eine Suchmaschine kann Tausende Ergebnisse liefern. Eine KI kann innerhalb weniger Sekunden eine überzeugend klingende Antwort formulieren.

Die entscheidende Frage lautet jedoch:

Kann ich beurteilen, ob diese Information verlässlich ist?

Dazu gehört beispielsweise zu prüfen:

  • Wer veröffentlicht die Information?
  • Welche Interessen könnten dahinterstehen?
  • Ist eine Quelle angegeben?
  • Wie aktuell ist die Information?
  • Wird zwischen Tatsache, Meinung und Werbung unterschieden?
  • Wird eine Aussage auch von anderen verlässlichen Quellen bestätigt?

Damit wird Medienkompetenz zu einem Teil von Urteilsbildung.

Kinder und Jugendliche müssen nicht jede Information sofort beurteilen können. Sie sollten aber lernen, dass ein professionell gestalteter Beitrag, ein häufig geteiltes Video oder eine überzeugend formulierte KI-Antwort nicht automatisch richtig sein muss.

Medienkompetenz im Zeitalter Künstlicher Intelligenz

Generative KI verändert die Anforderungen noch einmal.

Texte, Bilder, Stimmen und Videos können künstlich erzeugt oder verändert werden. Gleichzeitig können KI-Systeme beim Lernen, Schreiben, Strukturieren, Übersetzen oder Entwickeln eigener Ideen hilfreich sein.

Deshalb reicht es nicht, Kindern lediglich zu zeigen, wie sie KI bedienen.

Sie müssen lernen, über die Ergebnisse nachzudenken.

Hilfreiche Fragen sind:

Was weiß ich selbst über das Thema?

Woher könnte die KI diese Information haben?

Kann ich die Aussage überprüfen?

Was hat die KI für mich übernommen – und was habe ich selbst gedacht?

Kann ich das Ergebnis anschließend mit eigenen Worten erklären?

KI-Kompetenz bedeutet damit nicht nur Anwendungskompetenz.

Sie umfasst auch kritisches Denken, Quellenbewusstsein, Verantwortungsübernahme und die Reflexion des eigenen Lern- und Denkprozesses.

Desinformation, Manipulation und Deepfakes erkennen

Mit den technischen Möglichkeiten wachsen auch die Anforderungen an die Beurteilung medialer Inhalte.

Bilder können verändert, Stimmen nachgebildet und Videos künstlich erzeugt werden. Inhalte können gezielt emotionalisieren oder aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herausgelöst werden.

Gerade deshalb brauchen Kinder und Jugendliche keine Haltung des grundsätzlichen Misstrauens gegenüber digitalen Medien.

Sie brauchen vielmehr eine prüfende Haltung:

Stimmt das wirklich?

Woher weiß ich das?

Was fehlt mir, um mir ein Urteil bilden zu können?

Diese Haltung lässt sich nicht durch eine einzelne Unterrichtsstunde vermitteln. Sie entwickelt sich durch wiederholtes Fragen, Prüfen, Vergleichen und gemeinsames Nachdenken.

Medien wirken auch emotional

Medienkompetenz betrifft nicht nur Informationen.

Digitale Inhalte können unterhalten, inspirieren und verbinden. Sie können aber auch verunsichern, überfordern, Angst auslösen oder sozialen Druck verstärken.

Kinder und Jugendliche benötigen deshalb Möglichkeiten, über ihre Medienerfahrungen zu sprechen.

Das gilt insbesondere für Inhalte, die sie beschäftigen oder belasten.

Erwachsene müssen dabei nicht jede Plattform kennen und nicht jede technische Entwicklung beherrschen.

Wichtiger ist, ansprechbar zu bleiben und Interesse an der digitalen Lebenswelt des Kindes zu zeigen.

Gerade hier treffen Medienkompetenz und Beziehung aufeinander.

Schule und Eltern tragen gemeinsame Verantwortung

Medienbildung kann nicht allein Aufgabe der Schule sein – ebenso wenig kann sie ausschließlich den Familien überlassen werden.

Kinder bewegen sich zwischen unterschiedlichen Lern- und Lebenswelten.

Sie brauchen Erwachsene, die Orientierung geben und gleichzeitig zunehmend ermöglichen, selbst Verantwortung zu übernehmen.

Dazu gehört beispielsweise:

  • Informationen gemeinsam zu prüfen,
  • über Datenschutz und Privatsphäre zu sprechen,
  • respektvolle digitale Kommunikation vorzuleben,
  • problematische Inhalte einzuordnen,
  • Werbung und Beeinflussung erkennbar zu machen,
  • Regeln für digitale Medien nachvollziehbar zu begründen,
  • kreative und produktive Nutzung zu ermöglichen.

Das Ziel ist nicht die permanente Kontrolle digitaler Aktivitäten.

Das Ziel ist, dass Kinder und Jugendliche zunehmend lernen, selbst begründete Entscheidungen zu treffen.

Medienkompetenz bedeutet auch Gestaltung

Kinder und Jugendliche sind nicht nur Konsumenten digitaler Medien.

Sie können selbst gestalten.

Sie können recherchieren, schreiben, fotografieren, programmieren, Videos produzieren, präsentieren, gemeinsam Lösungen entwickeln und digitale Werkzeuge für eigene Ideen einsetzen.

Deshalb gehört zur Medienkompetenz auch die Erfahrung:

Ich kann digitale Medien nutzen, um selbst etwas zu erschaffen.

Damit verbindet sich Medienkompetenz mit Kreativität und Selbstwirksamkeit.

Was Medienkompetenz heute umfasst

Medienkompetenz bedeutet unter anderem:

  • Informationen kritisch zu prüfen,
  • Quellen zu bewerten,
  • zwischen Information, Meinung und Werbung zu unterscheiden,
  • KI-generierte Inhalte kritisch einzuordnen,
  • Manipulation und Desinformation zu erkennen,
  • Datenschutz und Privatsphäre zu verstehen,
  • respektvoll digital zu kommunizieren,
  • digitale Werkzeuge kreativ und zielgerichtet einzusetzen,
  • die eigene Mediennutzung zu reflektieren,
  • und zunehmend selbst verantwortliche Entscheidungen zu treffen.

POTENTIALO®-Perspektive: Medienkompetenz braucht Beziehung und Urteilsfähigkeit

Kinder entwickeln Medienkompetenz nicht dadurch, dass Erwachsene ihnen möglichst viele Regeln geben.

Sie brauchen Wissen und Orientierung – aber ebenso Räume, in denen sie fragen, ausprobieren, Fehler machen und Erfahrungen reflektieren können.

Aus entwicklungsorientierter Perspektive bedeutet Medienbildung deshalb auch, Selbstwirksamkeit, Reflexionsfähigkeit und Urteilsbildung zu fördern.

Erwachsene begleiten diesen Prozess nicht nur als Wissensvermittelnde. Sie helfen Kindern und Jugendlichen dabei, ihre eigenen Maßstäbe für einen verantwortungsvollen Umgang mit Medien zu entwickeln.

Denn die entscheidende Zukunftskompetenz besteht nicht darin, jede neue Technologie zu beherrschen.

Sie besteht darin, auch in einer sich ständig verändernden Medienwelt denken, prüfen und verantwortlich entscheiden zu können.


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