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Vorläuferfertigkeiten Rechnen 

 30. Oktober 2022

Von  Sabine Gessenich

Was sind Vorläuferfertigkeiten für das Rechnen?

Numerische Kompetenzen sind angeboren und sogar Säuglinge können Mengen differenzieren. Eine frühzeitige Förderung dieser Kompetenzen ist sinnvoll, da sie sich durch Training immer weiter verbessern. Die Vorläuferfertigkeiten stellen eine wichtige Voraussetzung für ein erfolgreiches Rechnen dar und bilden sich, indem das Kind seinen eigene Körper in Bezug zu seiner Umwelt setzt. 

Wie kann man Vorläuferfertigkeiten für das Rechnen zuhause fördern?

Folgende Begriffe sollten vermittelt werden, indem man sie immer wieder im Alltag einbaut:  groß, größer, am größten, gleich groß, in, auf, hinter, vor, neben, zwischen, die Ziffern bis 10.  Wenn das Kind mit den Ziffern Probleme hat, führt man sie langsam und nur einzeln ein. Assoziationen können helfen: 2 Flügel hat der Vogel, die Ampel hat 3 Lichter, der Tisch hat 4 Beine, etc. Die Erfassung über verschiedene Sinne ist hilfreich, also zeichnen, malen, kneten, etc. Die Zahlen können immer wieder verbal mit dem Kind durchgezählt werden. Nehmen Sie eine Erweiterung nach und nach vor, sobald eine Reihenfolge stabil beherrscht wird. Man kann zum Beispiel beim Treppenlaufen die Stufen zählen - vorwärts und rückwärts. Prüfen Sie immer wieder, wie weit das Kind eine Menge korrekt benennen, als Fingerbild zeigen oder als Würfelbild erkennen kann.

Wie kann man Vorläuferfertigkeiten in der Schule fördern?

In der Schulklasse kann man:

  • Begriffe einführen (groß, größer, am größten, gleich groß, in, auf, hinter, vor, neben, zwischen)
  • Kinder der Klasse miteinander vergleichen: größer als, kleiner als, gleich groß
  • Gegenstände miteinander vergleichen (Bleistifte, Lineale, Bücher): schwerer als, leichter als, gleich schwer oder länger als, kürzer als, gleich lang
  • Gedanklich Vergleiche von Tieren oder Gegenständen herstellen: Was ist größer - ein Elefant oder eine Maus?
  • Kinder handelnd erfahren lassen: in der Klasse, außerhalb der Klasse, auf dem Tisch, neben dem Tisch, zwischen den Tischen...
  • Mit Gegenständen arbeiten: in der Schultasche, neben der Schultasche, auf der Schultasche
  • Arbeitsblätter:  Teile ausschneiden lassen und damit arbeiten
  • Vergleiche mit Gegenständen (Körper) herstellen (Assoziationen):  2 Kirschen, 3 Eis, 4 Autoreifen, 5 Finger, 6 Eierschachtel, 7 Wochentage, 8 Spinnenbeine, 9 Kegelspiel, 10 Zehen
  • Ziffern einführen wie Buchstaben: Stationen mit Sand, Knetmasse, Fühlziffern, an die Tafel schreiben, mit Steinen legen...
  • Stabile Reihenfolge einüben mit verschiedenen Spielen Alle Kinder stehen, zählen bis 5 (das 5er Kind setzt sich hin), Es wird bis 6 gezählt, das 6er Kind macht eine Bewegung
  • Teppichfliesen anordnen lassen, umdrehen, Zahl nennen und die Kinder bis zu dieser Zahl gehen lassen, zuerst mit zählen; später nur noch in Gedanken.
  • Würfelbilder: Verschiedene Würfelspiele, um die Würfelbilder bis 6 zu trainieren, Erweitern durch zweiten Würfel,
    dann Würfel und Ziffernbilder verbinden
  • Fingerbilder: Wie viele Finger siehst du? Wie viele sind verdeckt? 


Check: Wann hat ein Kind gut ausgeprägte Vorläuferfertigkeiten?


  • es kann lang, kurz, gleich lang unterscheiden
  • es kann höher, niedriger unterscheiden
  • es kann größer, kleiner zuordnen und sortieren
  • es kennt die Begriffe:
  1.         mehr, mehr als, etwas mehr
  2.         weniger, weniger als, etwas weniger
  3.         kein, keinen, keine nichts
  4.         viele, alle
  5.         ist gleich viel
  6.         aufteilen, zerlegen
  7.         dazu geben, wegnehmen
  •  es kann in stabiler Reihenfolge bis 10 zählen
  • es kann von 10 rückwärts nach unten zählen
  • es kann die arabischen Zahlen bis 10 benennen
  • es kann die Ziffern 0-9 richtig schreiben
  • es kann eine Anzahl zur korrekten arabischen Zahl zuordnen
  • es kann Fingerbilder bis 10 auf einen Blick erkennen und selbst zeigen
  • es kann Würfelbilder ohne Abzählen benennen
  • es kann eine bestimmte Anzahl (bis 10) auf Anforderung geben
  • es kann Reihenfolgen bilden
  • es versteht, dass Mengen aus Teilmengen bestehen

Mehr zu lesen gibt es hier ab 5. März 2026:

Was Kinder brauchen, bevor das Rechnen beginnt

Wenn ein Kind in der ersten Klasse die Finger unter dem Tisch versteckt, damit niemand sieht, dass es noch zählt – dann ist das kein Zeichen von Faulheit. Es ist oft ein Hinweis darauf, dass wichtige Grundlagen im Vorfeld nicht stabil aufgebaut werden konnten. Grundlagen, die wir Vorläuferfertigkeiten nennen.

Viele Schwierigkeiten beim Rechnen haben ihren Ursprung nicht im Schulstoff selbst, sondern viel früher. Kinder, die mit einem unsicheren Fundament in die erste Klasse starten, tragen dieses Defizit mit sich – und es wird mit jedem neuen Thema schwerer, die Lücken zu schließen. Gleichzeitig gilt: Wer die Vorläuferfertigkeiten früh kennt und im Blick hat, kann rechtzeitig unterstützen – still, beiläufig und ohne Drama.

Was sind Vorläuferfertigkeiten?

Vorläuferfertigkeiten sind die kognitiven, sprachlichen und sensomotorischen Fähigkeiten, die ein Kind braucht, um später erfolgreich rechnen zu können – noch bevor es die erste Zahl auf einem Schularbeitsblatt sieht. Sie bilden das Fundament, auf dem mathematisches Denken entsteht.

Numerische Kompetenzen sind zum Teil angeboren: Schon Säuglinge nehmen Mengenunterschiede wahr. Doch diese Anlage ist kein Selbstläufer. Sie braucht Anregung, Sprache und Erfahrung, um sich zu einem tragfähigen Fundament zu entwickeln. Vier Bereiche sind dabei besonders zentral:

  • Mengenverständnis und Zahlbegriff: Kinder müssen verstehen, dass Zahlen Mengen repräsentieren – und dass diese Mengen vergleichbar, teilbar und veränderbar sind. Dazu gehört die Fähigkeit zur Simultanerfassung (auf einen Blick erkennen, wie viele es sind), das stabile Zählen und das Verstehen von Mengenbegriffen wie 'mehr', 'weniger', 'gleich viel'.
  • Räumliches und relationales Denken: Begriffe wie größer als, neben, zwischen oder vor sind unverzichtbar für das Verständnis des Zahlenraums. Kinder, die diese Begriffe nicht sicher beherrschen, haben häufig auch Schwierigkeiten mit dem Zahlenstrahl und späteren Rechenoperationen.
  • Muster und Strukturen: Das Erkennen von Mustern und das Fortsetzen von Reihen ist direkt mit dem Verständnis von Zahlenstrukturen verknüpft – und damit eine wichtige Brücke zum Dezimalsystem.
  • Sprache und mathematisches Vokabular: Mathematisches Denken braucht Sprache. Was man nicht benennen kann, kann man meist auch nicht wirklich denken. Die Förderung des mathematischen Wortschatzes ist deshalb keine Nebensache.

Warum sind Vorläuferfertigkeiten so wichtig?

Kinder mit schwach ausgeprägten Vorläuferfertigkeiten haben ein deutlich erhöhtes Risiko, später Schwierigkeiten beim Rechnen zu entwickeln. Bei Kindern mit Dyskalkulie ist dieser Zusammenhang besonders eng: Die spezifische Lernschwäche im Bereich Mathematik zeigt sich oft schon im Kindergartenalter – in instabilem Zählen, fehlendem Mengengefühl, unsicheren Vergleichsbegriffen.

Wichtig zu verstehen: Das sind keine Zeichen von Faulheit oder mangelnder Intelligenz. Es handelt sich um eine neurobiologisch bedingte Verarbeitungsschwäche – die sich ohne gezielte Unterstützung nicht von selbst auflöst, mit der richtigen Förderung aber deutlich verbessern lässt.

Und diese Förderung muss nicht aufwendig sein. Die wirksamste Unterstützung von Vorläuferfertigkeiten geschieht oft ganz beiläufig: in Alltagssituationen, die Zahlen und Mengen sichtbar und erlebbar machen – beim Kochen, beim Einkaufen, beim Spielen, beim Treppensteigen.

Aus der Praxis: Ich erlebe immer wieder Kinder, die in der Lerntherapie aufblühen, sobald sie

merken, dass Mathematik nicht abstrakt sein muss. Ein Siebenjähriger sagte einmal zu mir:

'Ich dachte immer, Mathe und Reden sind zwei verschiedene Sachen.' Er hatte bis dahin nie

erlebt, dass man über Zahlen sprechen darf – und muss.

Warnsignale: Wann sollte man genauer hinschauen?

Nicht alle Kinder entwickeln Vorläuferfertigkeiten im gleichen Tempo – das ist normal. Aber es gibt Signale, die Aufmerksamkeit verdienen. Kein einzelnes Zeichen ist ein Alarm; mehrere zusammen, die sich trotz Unterstützung hartnäckig halten, sind ein guter Grund, genauer hinzuschauen.

Im Kindergartenalter

  • Kleine Mengen (bis 3) werden nicht auf Anhieb erkannt, sondern immer abgezählt
  • Die Zahlwortreihe ist instabil oder hat wiederkehrende Lücken
  • Mengenbegriffe wie 'mehr' und 'weniger' werden unsicher oder falsch verwendet
  • Räumliche Begriffe (auf, unter, neben, zwischen) bereiten dauerhaft Schwierigkeiten
  • Das Kind vermeidet oder ignoriert Situationen, in denen gezählt werden soll

Zu Schulbeginn und in Klasse 1–2

  • Stabiles Zählen bis 10 gelingt nicht zuverlässig
  • Würfelbilder werden nie auf Anhieb erkannt – jeder Punkt wird einzeln gezählt
  • Zahlwörter werden nicht mit Mengen verbunden
  • Der Zehnerübergang gelingt nicht ohne Finger – und ist auch damit sehr langsam
  • Aufgabenumkehrungen (wenn 3+4=7, dann 7-4=?) werden nicht verstanden

Hinweis: Einzelne Warnsignale allein bedeuten noch nichts. Wenn jedoch mehrere zusammenkommen

und sich trotz Förderung über Monate nicht auflösen, ist eine fachkundige Einschätzung sinnvoll –

bei einer spezialisierten Lerntherapeutin, beim schulpsychologischen Dienst oder in der

Kinder- und Jugendpsychiatrie.


Checkliste: Hat mein Kind gut ausgeprägte Vorläuferfertigkeiten?

Diese Übersicht gibt einen ersten Orientierungsrahmen – für Eltern genauso wie für Lehrkräfte und Fachkräfte. Sie ersetzt keine professionelle Einschätzung, hilft aber, einen strukturierten Blick zu gewinnen.

Vergleichen und Ordnen

Das Kind kann lang, kurz und gleich lang unterscheiden

Das Kind kann höher und niedriger unterscheiden

Das Kind kann größer und kleiner zuordnen und sortieren

Das Kind kann sagen, welche von zwei Gruppen mehr enthält

Mengenbegriffe und Sprache

Das Kind kennt und verwendet: mehr – weniger – gleich viel

Das Kind kennt: kein / keiner / keine / nichts

Das Kind kennt: viele, alle, manche

Das Kind versteht: aufteilen, dazugeben, wegnehmen

Das Kind kennt räumliche Begriffe: in, auf, hinter, vor, neben, zwischen

Zählen

Das Kind kann stabil bis 10 zählen (immer in gleicher Reihenfolge, ohne Lücken)

Das Kind kann von 10 rückwärts zählen

Das Kind kann ab einer beliebigen Zahl vorwärts weiterzählen

Das Kind versteht: die zuletzt genannte Zahl gibt die Gesamtanzahl an

Zahlen und Ziffern

Das Kind kann die arabischen Zahlen 0–10 benennen

Das Kind kann die Ziffern 0–9 richtig schreiben

Das Kind kann einer Menge die korrekte Ziffer zuordnen

Das Kind kann auf Anforderung eine bestimmte Anzahl von Gegenständen geben

Das Kind kann Reihenfolgen von 1–10 selbstständig bilden

Simultanerfassung

Das Kind erkennt Würfelbilder bis 6 ohne Abzählen

Das Kind erkennt Fingerbilder bis 10 auf einen Blick

Das Kind kann selbst Fingerbilder bis 10 zeigen – als Bild, nicht Finger für Finger

Mengenverständnis

Das Kind versteht, dass Mengen aus Teilmengen bestehen

Das Kind versteht, dass eine Menge gleich bleibt, auch wenn man die Objekte umsortiert

Das Kind kann einschätzen, ob eine Menge eher 'viel' oder 'wenig' ist

Mehrere Punkte nicht erfüllt? Kein Grund zur Panik – aber ein guter Anlass, genauer

hinzuschauen. Gerade wenn das Kind kurz vor der Einschulung steht oder bereits in der Schule

ist und viele dieser Punkte noch unsicher sind, lohnt sich das Gespräch mit Fachleuten.

Was als Nächstes hilft

Wenn Sie wissen, worauf es bei den Vorläuferfertigkeiten ankommt, stellt sich schnell die nächste Frage: Wie fördert man sie konkret? Was funktioniert zuhause, was im Unterricht, und wie geht man vor, wenn einfache Alltagsförderung nicht ausreicht?

Genau das ist Thema meines Selbstlernkurses-Kurses "Dyskalkulie verstehen" und der Buchreihe "Die Rechenentdecker". Dort zeige ich Schritt für Schritt, wie Vorläuferfertigkeiten zielgerichtet aufgebaut werden – mit konkreten Ideen für den Alltag, praxisnahen Methoden für den Unterricht und einem klaren Blick dafür, wann mehr Unterstützung gefragt ist. Für Eltern, Lehrkräfte und alle, die Kinder auf ihrem Weg zum Rechnen begleiten.

Weiterführende Themen im Kurs und in der Buchreihe:

  • Vorläuferfertigkeiten zuhause fördern – konkrete Alltagsideen

  • Vorläuferfertigkeiten im Unterricht – Methoden und Differenzierung

  • Warnsignale erkennen und ansprechen – Gespräche mit Eltern und Schule

  • Wenn Förderung nicht reicht – Wege zur richtigen Unterstützung