Lernen lernen – Wie der Lerntyp sich von Kindheit an darauf auswirkt

Tipps für Eltern

Verschiedene Lerntypen und Lerntyp-Analyse

Als Lernberaterin beschäftige ich mich intensiv mit der Frage, welche Auswirkung der persönliche Lerntyp auf das eigene Lernverhalten hat. Dieses Thema ist sehr spannend, denn in der Praxis lassen sich sehr viele Schwierigkeiten, die Kinder und Jugendliche beim Lernen lernen haben durch die Ermittlung des Lerntyps erklären. Wenn Eltern und ihre Kinder verstehen, welche Besonderheiten mit dem jeweils vorherrschenden Lerntyp verbunden sind, lassen sich sehr schnell für das Kind passende Lösungsstrategien erarbeiten. Normalerweise unterscheidet man zwischen dem visuellen, auditiven oder kinästhetischen Lerntyp. Bei keinem Menschen ist nur einer dieser Lerntypen in Reinform vorhanden. Allerdings macht es Sinn, sich die typischen Merkmale der Lerntypen zu verinnerlichen, wenn man analysieren möchte, wo die Lernprobleme eines Kindes möglicherweise herkommen. In Anlehnung an die im Business-Bereich üblichen Kunden-Avatare beschreibe ich deshalb im Folgenden drei verschiedene Lerntyp-Avatare. 

 

Sehtyp Lisann (Visueller Lerntyp)

Lisann war bereits als Kleinkind ein ruhiges und zufriedenes Kind mit normal entwickelter Sprache und normalem Wortschatz. Sie ist gerne für sich alleine und hat schon sehr früh viel gebastelt und gemalt. Hier hat sie große Fähigkeiten und eine wahnsinnige Geduld. Körperliche Bewegung ist ihr nicht so wichtig. Sich beim Spielen im Freien schmutzig zu machen mag sie gar nicht. Sie kleidete sich schon sehr früh perfekt gestylt und ist auch sehr ordentlich, was ihr Zimmer anbelangt. Sie mag Bücher und Puzzles. Sie lernt am besten durch Beobachten. Da sie etwas zurückhaltend ist, probiert sie das Gesehene erst aus, wenn sie alleine ist. Wenn Erziehende ihr Verhalten korrigieren möchten, reicht meist bereits ein kurzer Blick.  Bereits früh konnte sie ihren Namen buchstabieren.  Im Vorschulalter konnte sie das gesamte Alphabet aus dem Gedächtnis niederschreiben. Beim Nachdenken schaut sie übrigens meistens nach oben. Mit  fünf Jahren konnte sie die Namen ihrer Freunde und ein Dutzend anderer Wörter in Druckbuchstaben schreiben. Sie kann sich auf ihre Augen verlassen und hat einen großen Sinn für Farben. Sie hat viele Ideen und Pläne und denkt logisch und folgerichtig. In der Schule hat sie gute Chancen, denn die meisten Informationen werden visuell angeboten. Hiermit sind Tafeln, Bücher und anschauliche Darstellungen gemeint. Lisann liest sehr gerne und ist gut in Rechtschreibung. Dank ihrer hervorragenden Auge-Hand-Koordination kann sie wunderbar mit Videospielen und dem Computer umgehen. Im ersten Schuljahr fiel es ihr schwer, über einen längeren Zeitraum zuzuhören aber sie zeigte stets ein gutes Benehmen und Respekt gegenüber der Lehrperson. Wenn Lisann etwas sagt, sind ihre Sätze einfach und konkret, mit wenig Änderung in der Intonation und mit sparsamer Gestik. Sie zeigt selten Aufregung, Wut oder andere extreme Stimmungen. Innere Regungen sind bei ihr eher durch weit geöffnete Augen, gerunzelte Augenbrauen oder eine für sie typische Mundstellung zu erkennen. 

Da sie mittlerweile gelernt hat, sich den Lernstoff vor dem inneren Auge vorzustellen, ist sie sehr erfolgreich darin, neue Informationen in ihrem Gehirn abzuspeichern. Die Verwendung von inneren Bildern hilft ihr auch im Fach Mathematik. Lisann arbeitet gerade beim Thema Lernen lernen daran, auch ihre Ohren und ihre Hände als Unterstützung beim Lernen zu verwenden. Eigentlich war ihr mündliche Mitarbeit nie wichtig, weil sie sich das Wissen über Schaubilder oder Karteikarten aneignet. Nachdem sie verstanden hat, dass die Lehrenden Wert auf mündliche Mitarbeit legen, meldet sie sich nun regelmäßig.

 

Hörtyp Tom (Auditiver Lerntyp)

Bereits als Kleinkind hat er schon lange Sätze und mehrsilbige Wörter verwendet. Gerne erzählt er jede Einzelheit einer Geschichte und sagt Reime oder Liedtexte wortgetreu auf. Seine Sprache war schon früh der Erwachsenensprache ähnlich und er ahmt gerne Dialekte nach. Da es ihm unwichtig ist, was er anzieht, kann es auch sein, dass er manchmal völlig schräg gekleidet daherkommt. Er mag Gruppenaktivitäten und ist mit fast jedem befreundet. Aufgrund seiner hervorragenden verbalen Fähigkeiten ist er der geeignete Anführer. Er verteilt Rollen, gibt Anweisungen und achtet darauf, dass seine Regeln eingehalten werden. Er zeigt wenig Interesse an Bastelarbeiten, handwerklichen Tätigkeiten oder Puzzles. Statt zu zeichnen, kritzelt er Bilder und erzählt eine Geschichte dazu. Wenn er niemanden zum Spielen hat, hört er Kassetten oder setzt sich vor den Fernseher. Er telefoniert auch sehr gerne. Tom ist hilfsbereit, sympathisch und klug und sehr am Lesen interessiert. Beim Schreiben murmelt er oft mit und beim Lesen bewegt er seine Lippen. Geräusche lenken ihn sehr leicht ab. In der Schule wird er häufiger ermahnt für das Dazwischenrufen von Antworten oder Tuscheln. Zum Lernen lernen braucht er detaillierte sprachliche Anweisungen. Außerdem braucht er seine ganz eigene Ordnung, die besser nicht von außen gestört werden sollte. Wenn man sein Verhalten korrigieren will, muss man ihm sinnvolle Erklärungen liefern. Seine auditiven Fähigkeiten kann Tom ganz hervorragend beim Sprachenlernen nutzen und Sprache einfach durch das Anhören lernen. Ab der vierten Klasse und darüber profitiert er von Lerngruppen und Podcasts. Er hat schon sehr früh ein gutes Verständnis für Mengen und Zahlen. Das einzige Problem, das er in der Grundschule hatte, war Rechtschreibung. Das ist nicht verwunderlich, da im Deutschen über fünfzig Prozent der Wörter anders geschrieben werden, als man sie spricht. ZumThema Rechtschreibung hier reinlesen.

 

Bewegungstyp Max (kinästhetischer Lerntyp) 

Schon als Kleinkind ist Max körperlich so aktiv, dass er einfach nicht stillsitzen kann. Er lässt Puzzles, Papier und Stifte sowie kleine Spielsachen links liegen und beschäftigt sich lieber mit seinem Dreirad und später dem Fahrrad. Da er viel in der Natur ist und auf Bäumen herumklettert, kann er nicht auf seine Kleidung achten. Deshalb hat er oft kaputte Sachen an, die allerdings bequem sein müssen. An Tätigkeiten wie Zeichnen oder Perlenauffädeln, die Auge-Hand-Koordination erfordern, ist er nicht interessiert, weil er damit Schwierigkeiten hat. Statt abends Bücher vorgelesen zu bekommen, möchte er viel lieber schmusen. Mit drei Jahren spricht er viele Wörter noch falsch aus. Seine Sätze bestehen aus zwei bis drei Wörtern. Bei Anweisungen oder Belehrungen schaltet er ab und hört nicht zu, weil er oft nichts versteht. Fast täglich hat er Wutanfälle. Auch mit fünf Jahren noch hat er Schwierigkeiten sprachlich zu kommunizieren. Er ist ein sensibles Kind und erkennt die Gefühle anderer schnell. Er sucht stark den Körperkontakt mit anderen. Max  hat ein sehr gutes Koordinationsvermögen und ist in seiner Körperbeherrschung gut zwei Jahre seinen Altersgenossen voraus. Dies kann dazu führen, dass die anderen Kinder sich von ihm abwenden, weil sie immer verlieren. Max verfügt nicht über die sozialen Fähigkeiten zu verhindern, dass die anderen weggehen. Bereits im Kindergarten kommt es zu Schwierigkeiten, weil er bei den Aktivitäten im Sitzen einfach keine Geduld hat, stillzusitzen. Gespräche in der Gruppe, Arbeitsblätter oder Singen sind für ein Kind, das lieber herumrennt, eine Bürde. Da Max die Fähigkeiten fehlen, Zahlen zu schreiben oder ein Lied zu lernen, wendet er sich oft anderen Aktivitäten zu, die dann störend wirken. Beim Lernen lernen benötigt er große Unterstützung, da er nicht aufmerksam zuhören kann und Informationen schlecht verarbeitet. Aufgrund seines Bewegungsdrangs und seiner mangelnden Zugänglichkeit, wenn er Missbilligung von anderen wahrnimmt, hat er es in der Schule schwer.  Beim Nachdenken schaut er oft nach unten. Wenn man sein Verhalten korrigieren will, muss man ihn berühren, sich herunterbeugen und am besten in seine Augen sehen, bevor man die Anweisungen gibt. Max profitiert von Lehrpersonen, die seinem Bewegungsdrang Raum geben. Sie könnten ihm die Möglichkeit geben, auf einem Hüpfball sitzend zu lernen oder Lernelemente in den Unterricht einbauen, bei denen experimentiert oder herumgelaufen wird. Rollenspiele kommen bei Max gut an, da von Natur aus schon mit viel Mimik und Handbewegungen kommuniziert. Ganz wichtig ist für Kinder wie Max eine gute Beziehung zur Lehrperson. Wenn er das Gefühl hat, dass man ihn nicht mag, kann er sogar für seine Lieblingsfächer das Interesse verlieren.

 

Wie sieht es aus?

Konnten Sie bei der einen oder anderen Beschreibung Verhaltensweisen Ihres Kindes wiederfinden? Um den Lerntyp Ihres  Kindes herauszufinden, benötigt es eine gewisse Beobachtungszeit. Sie finden hier auf der Startseite meiner Website zur Unterstützung einen Lerntypentest. Das Wissen um den Lerntyp ist sehr hilfreich, um die persönlichen Eigenheiten und Vorlieben Ihres Kindes beim Lernen lernen zu verstehen. Auch wenn man im Internet lerntyp-gerechte Lernstrategien finden kann, ist das Ziel, Ihr Kind nach und nach mit Lerntechniken für alle Lerntypen vertraut zu machen. Warum? Damit Ihr Kind für das lebenslange Lernen möglichst gut aufgestellt ist , braucht es ein möglichst breites Wahrnehmungsspektrum.

Probieren Sie mit dem Kind  viele neue Dinge und Methoden aus und versuchen Sie, einige verschiedene  Vorgehensweisen anzuwenden und herauszufinden, wie Ihr  Kind darauf reagiert, ob ihm die Abwechslung gefällt und wie gut es diese Dinge aufnimmt.

Lernt es am besten mit einem Text? Braucht es Bilder und Skizzen, damit es den Textinhalt wiedergeben kann? Kann es sich Vokabeln besser merken, wenn es sie hört und gleichzeitig liest?

Kann es sich Bilder sehr gut merken? Spricht es lieber über neue Themen und diskutiert mit ihnen interessiert? Lernt es lieber mit ihnen zusammen oder ganz alleine mit Konzentrationsmusik? Testen Sie allerdings jede Lerntechnik bezüglich eines Lerntyps für mehrere Tage und vermischen Sie die verschiedenen Typen nicht miteinander. Nur so kann auch wirklich festgestellt werden, welche Methode am meisten Früchte trägt.


 

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